Der Text von Armin Pfahl-Traughber wurde ursprünglich unter dem Link: http://www.polwiss.fu-berlin.de/fsi/bernie/rrtraughber.htm veröffentlicht und ist leider nur noch übet das web.archive.org verfügbar

Armin Pfahl-Traughber: Die „Neue Rechte“ in Frankreich und Deutschland – Zur Entwicklung einer rechtsextremistischen Intellektuellenszene,2009

Von einer „Neuen Rechten“ wurde und wird in Öffentlichkeit und Wissenschaft immer wieder gesprochen. Eine klare und trennscharfe Definition liegt dabei meist jedoch nicht vor. Von daher bedarf es – bevor die Entwicklung der „Neuen Rechten“ in Frankreich und Deutschland skizziert werden kann – zunächst einmal einer Begriffsbestimmung, um den zu analysierenden Gegenstand überhaupt identifizieren zu können. Damit soll nicht apodiktisch eine bestimmte Definition als endgültig angesehen, sondern diese lediglich als Arbeitsbegriff für die folgende Betrachtung vorgestellt werden.(1)

1. Zur Diskussion um und zur Definition von „Neue Rechte“

In der Diskussion um „Neue Rechte“ werden ganz unterschiedliche Phänomenen inhaltlich nicht überzeugend mit diesem Terminus bezeichnet: das plötzliche Aufkommen neuer rechtsextremistischer Parteien nach deren jahrelanger Bedeutungslosigkeit, rechtsextremistische Strömungen, die dem autoritären Etatismus der „Alten Rechten“ das Konzept einer „nationalen Revolution“ entgegenstellt; nationalrevolutionäre Gruppen, die sich von „Alter Rechte“ und „Neuer Linke“ abgrenzen oder eine Gruppe nationalkonservativer Intellektueller und Publizisten. Entweder sind diese Begriffsbestimmungen aufgrund ihrer Allgemeinheit inhaltslos, hinsichtlich der ideologischen Zuordnungen definitorisch nicht trennscharf von anderen Strömungen unterscheidbar oder gehen von nicht existierenden Gegebenheiten aus. Letzteres gilt etwa für das in der gegenwärtigen Auseinandersetzung vorherrschende Verständnis von „Neuer Rechter“ als „Scharnier“ zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus (2). Von der Begriffswahl her scheint diese Definition wenig sinnvoll, da eine Bezeichnung für eine politisch-ideologische Strömung („Neue Rechte“) für eine politische Sphäre („zwischen Rechtsextremismus und Konservatismus“) angegeben und gleichzeitig eine so nicht bestehende geistige Homogenität behauptet wird. Darüber hinaus unterstellt die Bezeichnung „Scharnierfunktion“ einen funktionalen Zusammenhang, der so nicht ausreichend belegt ist.

Sinnvoll dürfte die Verwendung des Begriffs „Neue Rechte“ nur in politisch-ideologischer Sicht sein, d.h. als eine bestimmte Ideologievariante der extremistischen Rechten in Deutschland. Damit zusammenhängende Probleme der Abgrenzung beziehen sich einerseits auf die demokratietheoretische Einschätzung, andererseits auf die Unterscheidung von deren Ideologievarianten der extremistischen Rechten. Als geistige und strategische Bezugsgröße kann die „Konservative Revolution“ in der Weimarer Republik angesehen werden. In dieser Hinsicht soll Neue Rechte verstanden werden als „eine intellektuell vergleichsweise anspruchsvolle Strömung des Rechtsextremismus, die sich am Vorbild der ‘Konservativen Revolution’ der Weimarer Republik orientiert, mit einer metapolitischen Strategie in erster Linie auf die Umwertung bestehender Werte zielt“ (3). Geistig orientiert sich die „Neue Rechte“ an Theoretikern des „antidemokratischen Denkens in der Weimarer Republik“ (4) wie etwa Edgar Julius Jung (parlamentarische Demokratie als „Herrschaft der Minderwertigen“), Arthur Moeller van den Bruck („Am Liberalismus gehen die Völker zugrunde“) und Carl Schmitt (Freund-Feind-Denken, Forderung nach Homogenität der Gesellschaft).

Problematisch ist diese Begriffsbestimmung vor dem Hintergrund der neueren Diskussion allerdings dadurch, daß der Bezugsfaktor, die „Konservative Revolution“, als einheitliche politische Strömung angezweifelt wird: Außer der Kritik am Liberalismus habe es hinsichtlich politischer, sozialer und wirtschaftlicher Vorstellungen bei den Autoren der „Konservativen Revolution“ keinen gemeinsamen Kernbestand gegeben.(5) Gemeinsam war den Vertretern der „Konservativen Revolution“ über die Gegnerschaft zum politischen Liberalismus und zum politischen System von Weimar hinaus der Anspruch, diese durch einen – so das Selbstverständnis – revolutionären geistigen Akt zu überwinden, um dadurch gesellschaftliche Verhältnisse zu schaffen, die dann erst konserviert werden könnten. Dieser doppelte Anspruch und die damit verbundene Strategie, über Denkzirkel einen kulturellen und damit letztendlich auch einen politischen Wandel einzuleiten, sind so herausragende Besonderheiten, daß die damit zusammenhängenden Akteure bei aller Differenzierung unter der gemeinsamen Sammelbezeichnung „Konservative Revolution“ gefaßt werden können. Deren sich auch als „Jungkonservative“ verstehenden gegenwärtigen geistigen Anhänger sollen als „Neue Rechte“ definiert werden.(6)

2. GRECE – Die „Neue Rechte“ in Frankreich

Eine Renaissance der Ideen der „Konservativen Revolution“ der Weimarer Republik ging nach 1945 nicht von Deutschland, sondern von Frankreich aus, wo sich eine derartige Intellektuellengruppe herausbildete. Es handelt sich dabei um GRECE, das Groupement de recherche et d’études pour la civilisation européenne (Forschungs- und Studiengruppe für die europäische Zivilisation).(7) Diese Organisation wurde 1969 gegründet, verstand sich als Antwort auf die kulturrevolutionären Impulse des Pariser Mai von 1968 und organisierte sich – von diesen Tendenzen lernend – in Form eines Intellektuellenzirkels. Die darin aktiven jungen Journalisten, Publizisten und Wissenschaftler entstammten nahezu allen Zusammenschlüssen der traditionellen extremen Rechten, hatten sich aber aufgrund von ideologischen und strategischen Differenzen von diesen getrennt.

Der als theoretischer und organisatorischer Kopf des GRECE geltende Publizist Alain de Benoist begründete diesen Schritt in einer späteren Veröffentlichung mit dem Hinweis auf die verständliche Erfolgslosigkeit der traditionellen extremen Rechten: „Die alte Rechte ist tot. Sie hat es wohl verdient. Sie ist daran zugrunde gegangen, daß sie von ihrem Erbe gelebt hat, von ihren Privilegien und von ihren Erinnerungen. Sie ist daran zugrunde gegangen, daß sie weder Wille noch Ziel hatte“ (8). Als Ursachen, die die Erfolgslosigkeit des traditionellen Rechtsextremismus bedingten, nannte Benoist: Erstens das Fehlen einer langfristig angelegten politischen Strategie, zweitens den Mangel an konkreten politischen Zielsetzungen und -vorgaben, drittens die Ideologiefeindlichkeit und damit eng verbunden das Fehlen einer eigenen klar formulierten und wissenschaftlich abgesicherten Theorie, viertens die Kultur-Aversion und damit das Ignorieren der kulturellen Sphäre als politisches Kampffeld und schließlich fünftens die geistige Orientierung an vergangenen Politikformen und -konzeptionen, die längst überholt seien und keinerlei Attraktivität mehr ausstrahlten.

Demgegenüber plädierten die GRECE-Anhänger für einen Erneuerungsprozeß und entwickelten entsprechende Positionen. Dabei handelte es sich aber um keine grundlegenden Unterschiede zum bisherigen Rechtsextremismus, sondern im Wesentlichen um ideologische und strategische Differenzen, bei Beibehaltung der rechtsextremen Grundpositionen. Feindbilder im Politikverständnis der französischen „Neuen Rechten“ waren demnach auch die „egalitären Ideologien“, worunter Liberalismus ebenso wie Marxismus, aber auch das Christentum verstanden wurden. Die naturrechtliche Begründung für die Menschenrechte lehnte man als Ausdruck des Individualismus ab, da dieser als Organisationsprinzip die Gemeinschaft zersetze. Demgegenüber verstehen sich die Theoretiker von GRECE als Verteidiger des Rechts der Kulturen und Völker auf Selbstbestimmung, die zur Herausbildung organischer Gemeinschaften führen sollten. Ideologischer Hintergrund dieser Positionen ist ein biologistisches Gesellschaftsbild, eine Vorstellung von der Gesellschaft, die bestimmte kulturelle Normen nicht als Ergebnis eines historischen Prozesses, sondern als Ausdruck der Natur und damit als unveränderbar ansieht. Dazu gehört dann auch die Herrschaft der Elite, die sich nicht durch ein Wahlverfahren oder einen zweckrationalen Charakter, sondern durch eine aristokratische Moral legitimiert.

Abgleitet wurden diese Auffassungen von einer Reihe politischer Theoretiker, die den Ideologen von GRECE als „Klassiker“ gelten. Aus deren Werken bastelte man sich selektiv und willkürlich, ohne damit verbundene Widersprüche zu problematisieren, eine eigene Weltanschauung zusammen. Diese theoretischen Vorbilder können in drei Gruppen gegliedert werden: Erstens die Vertreter der deutschen Konservativen Revolution, wie Ernst Jünger, Edgar Julius Jung, Arthur Moeller van den Bruck, Carl Schmitt und Oswald Spengler; zweitens intellektuelle Anhänger bzw. Wegbereiter des italienischen Faschismus, wie Julius Evola, Robert Michels, Vilfredo Pareto und Georges Sorel; und drittens die „Erbforscher“, wie Hans-Jürgen Eysenck, Irenäus Eibl-Eibesfeld, Arthur Jensen und Konrad Lorenz. Wie die Auflistung bereits andeutet, besteht das Neue an der GRECE als Gruppierung des Rechtsextremismus keineswegs in der Abwendung von grundlegenden inhaltlichen Prinzipien dieses politischen Spektrums, sondern in formalen Modernisierungen einerseits ideologischer und andererseits strategischer Art.

Letzteres zeigt sich in der kulturellen bzw. „metapolitischen“ Orientierung von GRECE. Plädiert wurde für eine Kulturrevolution von rechts, die eine Umwandlung der bestehenden Mentalitäten und Wertvorstellungen bewirken und so die Voraussetzungen für den politischen Wandel schaffen sollte. Bei der Entwicklung derartiger Vorstellungen griff die französische „Neue Rechte“ zum einen auf die deutsche Konservative Revolution, zum anderen auf den italienischen Marxisten Antonio Gramsci zurück. Man ging davon aus, daß keine Veränderung in der Ordnung der Macht möglich sei, wenn nicht zuvor die politische Transformation schon in den Köpfen stattgefunden hätte. Es gelte, eine kulturelle Macht zur Sprache zu bringen, die sich parallel zur politischen Macht installiert und dieser in gewisser Weise vorausgeht. Zunächst sollte der „Kampf um die Köpfe“ gewonnen, die „kulturelle Hegemonie“ erlangt werden. Ganz in diesem Sinne organisierte sich GRECE: Man schuf eine professionell arbeitende, bürokratisch ausgerichtete Organisation, gründete ein Publikationsnetz und organisierte öffentlichkeitswirksame Kolloquien. Gezielt sollten Multiplikatoren (Intellektuelle, Journalisten, Lehrer, Politiker, Universitätsangehörige etc.) angesprochen werden, um das Meinungsklima zu ändern.

Zeitweise war dieser Strategie durchaus Erfolg beschieden: Es gelang GRECE-Vertretern in der Redaktion des einflußreichen Figaro-Magazine Fuß zu fassen, Benoist schrieb für wichtige französische Zeitungen wie Le Monde und Valeurs actuelles und ganz allgemein erregte man Ende der siebziger/Anfang der achtziger Jahre große Aufmerksamkeit in Frankreich und im Ausland. Danach geriet das „metapolitische“ Projekt GRECE jedoch in eine Krise, was zum einen mit internen Konflikten und dem Fehlen von Ansatzpunkten und Perspektiven für die weitere Arbeit, zum anderen mit der Abwanderung vieler Anhänger zu Le Pens Front National (FN) und dem öffentlichen Interesse für den parteilich organisierten Rechtsextremismus zu tun hat. Dies bedeutet aber nicht, daß die französische Neue Rechte einflußlos geworden wäre. Schließlich gelang es GRECE, rechtsextreme Positionen in der politischen Kultur Frankreichs diskussionsfähig zu machen, man wirkte als „Pflugschar“ für die Wahlerfolge der FN und setzte europaweit einen Intellektualisierungsprozeß im Lager der extremen Rechten in Gang.

Nachdem es lange Zeit aufgrund der angedeuteten Entwicklung ruhig um die französische „Neue Rechte“ geworden war, erregten Benoist und seine Anhänger erst im Sommer 1993 wieder öffentliche Aufmerksamkeit und zwar durch die Annäherung an die politische Linke, vor allem Intellektuelle im Umfeld der französischen Kommunisten. Benoist wurde vom streng orthodox-kommunistischen Institut für marxistische Forschungen (IRM) anläßlich einer Tagung zum Vortrag geladen und erhielt dort sturmischen Beifall. Er äußerte, daß für ihn die Trennung zwischen rechts und links nicht mehr bestehe. Statt dessen gebe es ein „Zentrum“ mit den Vertretern der „herrschenden Ideologie“ und eine „Peripherie, die all diejenigen versammelt, die diese Ideologie nicht akzeptieren.“ Zwischen allen in der Peripherie könne eine Debatte einsetzen. Damit forderte Benoist eine Annäherung von (ehemaligen?) Kommunisten und Anhängern der Neuen Rechten ein. Ähnliche Absichten verfolgten von der anderen Seite des politischen Spektrums her Intellektuelle aus der Kommunistischen Partei, deren Führungsspitze sich erst nach längerem Zögern zu einer Distanzierung und Verurteilung dieser Kontakte bewegen ließ.(9)

3. Die Entwicklung der „Neuen Rechten“ in Deutschland

Nachdem GRECE in Frankreich Anfang der achtziger Jahre zum Gegenstand breiten öffentlichen Interesses geworden war und auch hierzulande zahlreiche Presseberichte zur französischen „Neuen Rechten“ erschienen, nahm sich auch der deutsche, mehrheitlich traditionalistisch geprägte Rechtsextremismus dem Phänomen an. Offenbar hoffte man vom attraktiven Wirken von GRECE zu lernen, um so aus der Außenseiterrolle heraus zu kommen und gleichzeitig engere Verbindungen zum konservativen Lager zu knüpfen. Als Ableger der französischen Neuen Rechten wurde 1980 in Kassel das Thule-Seminar. Arbeitskreis für die Erforschung und das Studium der europäischen Kultur von dem diplomierten Juristen und Politologen Pierre Krebs gegründet.(10) Strategisch wollte man ähnlich wie GRECE in Frankreich vorgehen: das Thule-Seminar versteht sich als Intellektuellenzirkel und Kulturverein.

Es kam zu Kontakten zwischen Krebs und dem dem traditionellen Rechtsextremismus zuzurechnenden Tübinger Grabert-Verlag, der zahlreiche Publikationen aus dem Thule-Seminar veröffentlichte: Übersetzungen von Benoists Schriften, eine Broschüre von Krebs und einen programmatischen Sammelband. Mitte der achtziger Jahre muß es zu einen Bruch zwischen beiden – wohl aufgrund Krebs’ selbst im rechtsextremen Lager als sektiererisch geltenden Positionen – gekommen sein. Er beschäftigte sich fortan mit der Herausgabe einer deutschen Ausgabe eines Publikationsorgans der französischen Neuen Rechten, Elemente (zur Metapolitik). 1986/87 erschienen drei Ausgaben, 1990 erst eine vierte und seit dem ist keine weitere Nummer mehr veröffentlicht worden. Allein das unregelmäßige Erscheinen belegt, daß Krebs mit seinen Thule-Projekt materiell und ideell nicht recht voran kam.

Trotz der Kontakte zu verschiedenen rechtsextremistischen Organisationen gelang es offenbar nicht, das Thule-Seminar organisatorisch wie finanziell auf eine solide Grundlage zu stellen, womit auch der Versuch scheiterte, in dieser Form eine Organisation für Rechtsextreme zu schaffen. Die Gründe dafür dürften zum einen in der Person von Krebs zu sehen sein, da der Thule-Vorsitzende mit seinen meist sehr schwülstig vorgetragenen Positionen eher abschreckte, somit das Thule-Seminar ein auf ihn konzentriertes Unternehmen blieb und er offensichtlich den Aufbau der Organisation nicht voranbringen konnte. Zum anderen wurden von Seiten anderer rechtsextremer Intellektueller Vorbehalte geäußert. Man kritisierte die geringe Bedeutung der Regionalismus- und Ökologiethematik, den Aufbau falscher politischer Fronten durch die Ablehnung des Christentums und die Propagierung des Heidentums sowie die elitäre Politikkonzeption. Insofern kann dieser Versuch, einen bedeutenden Ableger der GRECE zu schaffen, als gescheitert angesehen werden.

Bedeutsamer für die Herausbildung einer deutschen „Neuen Rechten“ war die Zeitschrift Criticon.(11) Das von dem Publizisten Caspar von Schrenck-Notzing 1970 gegründete und herausgegebene zweimonatlich (ab 1994 viermonatlich) erscheinende Publikationsorgan entstand zu einer Zeit, in der innerhalb des gesamten deutschen Konservatismus verstärkt die Notwendigkeit der Theoriearbeit postuliert wurde. Nur mit dieser, so erkannte man bereits damals, sei es möglich, die verloren geglaubte politische Meinungsführerschaft wiederzugewinnen. Von daher sollte Criticon auch keine Zeitschrift für ein größeres Publikum sein, sondern ein Theorieorgan, das von Intellektuellen für theoretisch Interessierte gemacht wurde. In diesem Sinne veröffentlicht die Zeitschrift Beiträge zu tagespolitischen Fragen mit stark theoretischem Hintergrund, Aufsätze zum konservativen Selbstverständinis und „Bausteine“ für eine entsprechende Theorie, kulturell-historische Texte mit indirekter politischer Botschaft und Artikel zu politischen Klassikern, die die theoretische Arbeit befruchten sollen.

Hinsichtlich der strategischen Option erweist man sich in Criticon als Schüler der GRECE und ihres Gramscismus von rechts: Unter der Überschrift „Über die Kulturrevolution zur politischen Revolution“ bemerkt Schrenck-Notzing als Critilo: Die Zeitschrift „war mit Gramsci stets der Meinung, daß die ideologische Mehrheit wichtiger ist als die parlamentarische“ (12). Insofern bildet die gesellschaftliche Elite und hier wieder besonders die Multiplikatoren die primäre Zielgruppe der Zeitschrift, also Journalisten, die akademische Jugend, Intellektuelle, Universitätsangehörige, Unternehmer etc. Bei diesen soll durch die Arbeit von Criticon ein geistiger und damit letztendlich auch ein politischer Wandel eingeleitet werden.

In den siebziger und achtziger Jahren war Criticon eine Art publizitisches Sammlungsorgan für die intellektuelle Rechte; hier schrieben Alt- und Neo-Konservative, Unionsrechte und Vertreter der Neuen Rechten, Nationalrevolutionäre und Nationalisten unterschiedlichster Couleur. Auffassungen im Sinne der „Konservativen Revolution“ der Weimarer Republik wurden insbesondere von einem der Mit-Redakteure vertreten, dem Politikwissenschaftler und Publizisten Armin Mohler. Dieser hatte zum Thema jener geistigen Strömung promoviert und mit seiner weithin beachteten, auch veröffentlichten Arbeit (13) dazu auch den Begriff „Konservative Revolution“ als Sammelbezeichnung für die gemeinten Intellektuellen geprägt. Später wurde er Sekretär von Ernst Jünger, betätigte sich als Frankreich-Korrespondent für verschiedene deutsche Tages- und Wochenzeitungen und nahm auch Kontakt zu Benoist und anderen Anhängern der französischen „Neuen Rechten“ auf.

Die Ideen der „Konservativen Revolution“ versuchte Mohler, von 1946 bis 1985 auch Leiter der Carl Friedrich von Siemens-Stiftung in München, in verschiedenen Beiträgen der Zeitschrift populär zu machen – von einfachen Buchbesprechungen über Rekurse auf Argumentationsmuster bis hin zu Portraits einzelner Vertreter dieser Intellektuellengruppe. Mohler galt als „Vordenker der Neuen Rechten“ (14) und beeinflußte auch eine Reihe von jüngeren Vertretern, die sich im Sinne der „Konservativen Revolution“ der Weimarer Republik verstanden und ebenfalls in Criticon publizierten. Ein Beispiel dafür ist der sich als „Jungkonservativer“ verstehende promovierte Historiker und Lehrer Karlheinz Weißmann, eines jüngeren Stamm-Autors der Zeitschrift. In einem Beitrag „über die notwendige Renaissance des konservativen Denkens“ heißt es u. a.: „Während man sich betreuend irgendwelchen Minderheiten zuwendet, verrottet jenes Allgemeine, das der Staat ist. … Die Polis bedarf eines neuen Ethos, wenn man so will: einer preußischen Dimension…. Die vielen schönen Worte, die man zu machen gewohnt ist, hätten zu verschwinden, zu Gunsten der nüchternen Einsicht in die Notwendigkeiten, zu denen Gliederung und Elite gehören“.(15)

Noch größere Bedeutung für die Propagierung von Auffassungen im Sinne der „Konservativen Revolution“ der Weimarer Republik hat die Zeitung Junge Freiheit.(16) Gegründet 1986 von Schülern und Studenten entwickelte sich das Blatt im Sinne einer – so das Selbstverständnis – „rechten taz“. Man betreibt Kommentar-Journalismus, d. h. über aktuelle Ereignisse wird zwar berichtet, allerdings nicht im Sinne einer möglichst neutralen Information der Leser, sondern um diese direkt mit einer bestimmten politischen Botschaft anzusprechen. Bei all dem schreiben die meisten Autoren betont locker und stellen auch problematische Positionen in der Regel geschickt dar. Eine Besonderheit gegenüber anderen rechten Publikationsorganen ist der Kulturteil. Berichtet wird nicht über Literatur und Musik aus dem eigenen politischen Lager, sondern ganz allgemein über das aktuelle Kulturgeschehen. Dabei hebt man bestimmte Elemente des jeweiligen kulturellen Angebots, die mit der eigenen politischen Ideologie Gemeinsamkeiten aufweisen, hervor und präsentiert sie mit entsprechender Interpretation der Leserschaft.

Politisch-ideologisch und strategisch steht die Redaktion – wie auch ihr zeitweiliger Werbespruch „Eine konservative Revolution“ verrät – in der Tradition der „Konservativen Revolution“ der Weimarer Republik. Der wichtigste Theoretiker dürfte für das Blatt indessen der Staatsrechtler Carl Schmitt sein, der in nahezu jeder Ausgabe zustimmend direkt zitiert oder indirekt rezipiert wird. Ähnlich wie dieser definiert die Junge Freiheit sich in Abgrenzung vom politischen Liberalismus, der nicht erst nach dem Zusammenbruch des „real existierenden Sozialismus“ als Hauptfeind der „Neuen Rechten“ gilt. Die Orientierung an den Vertretern der „Konservativen Revolution“ oder der französischen „Neuen Rechten“ ist allerdings auch strategischer Natur. Man will nicht über eine Partei, sondern über Zeitschriften und Zirkel politisch wirken. In diesem Sinne initiierte man, teilweise in Zusammenarbeit mit der Zeitschrift Criticon, eine ganze Reihe von Arbeitskreisen in größeren Städten, die ihre politischen Klassiker diskutieren und Vortragsveranstaltungen durchführen. Längerfristige Aufgabe der Zirkel soll es u.a. sein, auf eine politische Partei einzuwirken.

Die geistige Orientierung an den Anhängern der „Konservativen Revolution“ verbindet die Junge Freiheit ähnlich wie Criticon nicht mit einer direkten und offenen Absage an die Spielregeln und Wertvorstellungen des demokratischen Verfassungsstaates. Vielmehr versucht man durch Kritik, deren Grundlagen ideologisch zu delegitimieren. Dadurch soll intellektueller Freiraum für die Etablierung ihrer Politikvorstellungen geschaffen werden, was aber nur gelingen kann, wenn man über den Konservatismus auch in die breitere Öffentlichkeit hinein wirkt. Dies nötigt auch zu taktischen Rücksichtnahmen, welche interne Konflikte nicht ausschließen. Die Junge Freiheit konnte etwa den wichtigen Vordenker der „Neuen Rechten“, Armin Mohier 1994 für eine regelmäßige Kolumne gewinnen, geriet dann aber offenbar aufgrund von dessen Auffassungen zum Thema „Vergangenheitsbewältigung“ in Konflikt mit Mohler, in deren Folge dieser als Autor in der Zeitung völlig verschwand.

Ob dies mit einem inhaltlichen Lernprozeß – im Sinne einer Abwendung von den Ideen der „Konservativen Revolution“ und damit der „Neuen Rechten“ – verbunden war, blieb zunächst unklar. Direkte Bezüge auf die genannten geistigen Strömungen fand man weniger, verbal mäßigte man sich bei der Formulierung politischer Positionen, und bestimmte Autoren schrieben fortan auch nicht mehr für die Zeitung. Mitte des Jahres 1995 begann die Junge Freiheit allerdings mit dem Abdruck einer Serie unter dem Titel „Portraits der Konservativen Revolution“, die belegt, daß man sich auch weiterhin für die Kontinuität dieser geistigen Strömung sieht. In der Einführung zu dieser Serie betont ein Redaktionsmitglied, man wolle die „Modernität“ dieser „außerparlamentarischen Rechten der Zwischenkriegszeit“ aufarbeiten, was die Voraussetzung dafür sei, daß „die Ideen der Konservativen Revolution tatsächlich Eingang in die gegenwärtige politische Debatte finden“. Zwar betont man die Zeitbedingtheit der jeweiligen Theorieelemente und will sich auch nicht scholastisch mit den klassischen Texten auseinandersetzen. Bei der beabsichtigten kritischen „Transformation konservativ-revolutionären Denkens“ (17) problematisiert man allerdings nicht den antidemokratischen Charakter jener geistigen Strömungen, die der Jungen Freiheit als Vorbild gelten sollen.

4. Zur Bedeutung der „Neuen Rechten“ – eine vergleichende Betrachtung

Das Aufkommen einer „Neuen Rechten“ in Frankreich wie in Deutschland löste je nach Betrachter und Zeitumständen ganz unterschiedliche Reaktionen aus, welche die ganze Bandbreite von Verharmlosung bis Dramatisierung ausfüllen. Als etwa 1978 der Kopf der französischen „Neuen Rechten“ den „Grand Prix de l’Essai“ der Acadeémien Francaise erhielt, löste dies kaum öffentliche Aufmerksamkeit, geschweige denn Protest aus. Als 1979 vier Anhänger der französischen „Neuen Rechten“ zeitweilig als Redakteure beim einflußreichen Figaro Magazine Fuß fassen konnten, führte dies zu breiter öffentlicher Empörung, welche längerfristig auch wieder zum Abtritt von Benoist und seinen Anhängern führte. Ähnlich ambivalent war die Reaktion in der Bundesrepublik Deutschland: Lange Zeit nahm man allgemein das Aufkommen eines intellektuellen Rechtsextremismus bzw. einer „Neuen Rechten“ überhaupt nicht zur Kenntnis. Nachdem sich aber bedingt durch die Auflagensteigerung der Jungen Freiheit die Bedeutung dieses Themas zeigte, reagierten einzelne Zeitbetrachter mit einer völlig überspannten Dramatisierung, wofür der Buchtitel „Kippt die Republik?“ (18), einer Veröffentlichung zur „Neuen Rechten“ exemplarisch steht.

An realistischen Einschätzungen mangelt es in der Regel. Eine dahingehende Ausnahme stellt die Einschätzung des Politologen Claus Leggewie dar: „Doch die These, die deutsche Rechte habe es der Nouvelle Droite nachgemacht und die Magazine und Feuilletons erobert, ist gleich doppelt falsch: Weder haben Alain de Benoist und die Seinen ihren diesseits des Rheins so wahrgenommenen Siegeszug je angetreten, noch kann man im Ernst behaupten, die politische Reaktion der ‘Welt’ oder das Feuilleton der FAZ sei mit lauter jungkonservativen Epigonen des Sauerländers (gemeint ist Carl Schmitt) bestückt. Noch weniger präsent sind Neue Rechte in den politisch rechtslastigen privaten Rundfunk- und Fernsehstationen. Auch dort herrschen in den für Werbung unattraktiven Zonen ‘Spiegel’-TV, Kluges Features und Meyers ‘Einspruch’ vor. Kein echter Carl Schmitt hat dort Fuß gefaßt. Es reicht gerade zu einem gehässigen Kommentar des Leihfranzosen Jean-Paul Picaper in der ‘BUNTEN’ gegen den uneuropäischen Islam, als Gegengewicht zu der Goodwill-Kampagne, zu der sich angesichts der Lichterketten auch das einstige Flagschiff des Burda-Konzerns durchrang.“ (19)

Eine realistische Einschätzung der Bedeutung und des Einflusses der „Neuen Rechten“ in Deutschland und Frankreich wird auch im direkten Vergleich möglich: Im Nachbarland war die „Neue Rechte“ in Form der GRECE fest organisiert, in Deutschland besteht sie aus einer Ansammlung einzelner Intellektueller, die in bestimmten Publikationsorganen regelmäßig schreiben. In Frankreich verfügt die „Neue Rechte“ über eine einheitliche und geschlossene Ideologie, in Deutschland läßt sich diese geistige Homogenität nicht belegen. Während etwa Armin Mohler wie seine französischen Freunde das Christentum als Ideologie der Gleichheit ablehnt, ist Karlheinz Weißmanns Politikverständnis tief geprägt vom Protestantismus. Unterschiede gibt es auch bezüglich der gesellschaftlichen Anerkennung:

Während Benoist auch nach dem Ausscheiden aus dem Figaro Magazine in renommierten französischen Zeitungen Beiträge veröffentlichen konnte, ist dies einer Person wie Mohler nicht mehr und einer Person wie Weißmann lediglich in der Welt möglich. Um die französische „Neue Rechte“ scharte sich auch ein Kreis von renommierten Hochschullehrern als Anhänger oder Teilnehmer von Tagungen; ähnliches läßt sich in Deutschland nicht beobachten, sieht man einmal von einzelnen Personen ab, welche allerdings weder in der Öffentlichkeit noch in der Wissenschaft von Bedeutung sind.

Mit diesen Hinweisen soll die Bedeutung der „Neuen Rechten“ in Deutschland nicht verharmlost, sondern ein realistisches Bild gezeichnet werden. Gefahren im Bereich der politischen Kultur können von einer derartigen geistigen Strömung allerdings nur dann ausgehen, wenn es ihr gelingt, stärker in die Öffentlichkeit hinein zu wirken und an politischen Diskursen teilzunehmen bzw. sie zu dominieren. Solches ist – zur Zeit jedenfalls – nicht der Fall. Allerdings hat sich in dieser Hinsicht zweifellos die letzten Jahre über etwas getan, was allerdings weder mit der Formel „Die ‘Neue Rechte’ auf dem Vormarsch““ noch mit der Frage „Kippt die Republik?“ angemessen umschrieben wäre. Tatsächlich kam in diesem Bereich etwas in Bewegung, das verstärkte Beachtung verdient, aber nicht im Sinne einer ungerechtfertigten Dramatisierung. Vielmehr ist es notwendig, die viel beschworene, aber all zu selten geführte geistig-politische Auseinandersetzung mit den von der „Neuen Rechten“ vertretenen Politikvorstellungen und deren teilweise eine Renaissance erlebenden „Klassikern“ voranzutreiben.

Anmerkungen

1) Vgl. ausführlicher Armin Pfahl-Traugber, Vier Thesen zur Verwendung des Begriffs „Neue Rechte“, in: blick nach rechts, Nr.1 vom 10. Januar 1995, S.4f.

2) Vgl. Wolfgang Gessenharter, die „Neue Rechte“ als Scharnier zwischen Konservatismus und Rechtsextremismus in der Bundesrepublik, in: Rainer Eisfeld/Ingo Müller (Hrsg.), Gegen Barbarei. Essays Robert M. W. Kempner zu Ehren, Frankfurt. M. 1989, S.424-452

3) Uwe Backes/Eckhard Jesse, Politischer Extremismus in der Bundesrepublik Deutschland. Bd. 1: Literatur, Köln 1989, 5. 136

4) Kurt Sontheimer, Antidemokratisches Denken in der Weimarer Republik (1962), München 1983

5) Vgl. Stefan Breuer, Anatomie der Konservativen Revolution, Darmstadt 1993

6) In diesem Sinne kann die Gruppe um die Welt-Journalisten Ulrich Schacht, Heimo Schwilk und Rainer Zitelmann nicht als Vertreterin einer „Neuen Rechten“ bezeichnet werden. In ihren Schriften zeigen sie sich nicht als Anhänger der „Konservativen Revolution“ der Weimarer Republik, geben allerdings in ihren Sammelbänden Anhängern dieser geistigen Strömung ein Forum, was deren Bemühen, eine „demokratische Rechte“ sammeln zu wollen, als nicht unbedingt überzeugend erscheinen läßt.

7) Vgl. dazu ausführlicher Marie-Luise Christadler, Die „,Nouvelle Droite“ in Frankreich, in: Iring Fetscher (Hrsg.), Neokonservative und „Neue Rechte“. Der Angriff gegen Sozialstaat und liberale Demokratie in den Vereinigten Staaten, Westeuropa und der Bundesrepublik Deutschland, München 1983,S. 163-215; Hans-Gerd Jaschke, Frankreich, in: Franz Geß/Ders./Klaus Schönekäs, Neue Rechte und Rechtsextremismus in Europa, Opladen 1990, S.17-103; Armin Pfahl-Traughber, GRECE – Die Neue Rechte in Frankreich, in: Vorgänge, 30 Jg., H. 112/1991, S.15-27

8) Alain de Benoist, Kulturrevolution von rechts. Gramsci und die Nouvelle Droite, Krefeld 1985, S.13

9) Vgl. Verlorene Revolution, in: Der Spiegel, Nr.27/5. Juli 1993, S.106f.; Bettina Kaps, Rotbrauner Flirt in Frankreich, in: taz v. 8. Juli1993

10) Vgl. dazu ausführlicher Ak Neue Rechte (Hrsg.), Thule-Seminar. Spinne im Netz der Neuen Rechten, Kassel 1990; Klaus Schönekäs, Bundesrepublik Deutschland, in: Greß/Jachke/Ders., Neue Rechte (Anm. 7), S.218-349, hier S.278-280; Armin Pfahl-Traughber, Rechtsextremismus. Eine kritische Bestandsaufnahme nach der Wiedervereinigung, Bonn 1993, S.106-109

11) Vgl. ausführlicher dazu Armin Pfahl-Traugber, Rechte Intelligenzblätter und Theorieorgane, in: Vorgänge 31 Jg., Nr.116/1992, S.37-50, hier S.43f.

12) Critilo, Über die Kulturrevolution zur politischen Revolution. in: Criticon, 1980, S.107

13) Armin Mohler, Die Konservative Revolution in Deutschland 1918-1933. Ein Handbuch (1949), Darmstadt 1989

14) So Claus Leggewie, Der Geist steht rechts. Ausflüge in die Denkfabriken der Wende, Berlin 1987, S.187-212

15) Karlheinz Weißmann, Ein paar einfache Wahrheiten. Über die notwendige Renaissance des konservativen Denkens, in: Criticon 1992, S.61-63

16) Vgl. Armin Pfahl-Traughber, Die „Junge Freiheit“. Ein publizistischer Brückenschlag zwischen Rechtsextremismus und Konservatismus, in: Neue Gesellschaft/Frankfurter Hefte, 40 Jg., 1993, S.44-49

17) Wolfgang Fenske, Zur Einführung, in: Junge Freiheit, Nr.25 vom 23. Juni 1995AA

18) Wolfgang Gessenharter, Kippt die Republik? Die Neue Rechte und ihre Unterstützung durch Politik und Medien, München 1994

19) Claus Leggewie, Druck von rechts. Wohin treibt die Bundesrepublik?, München 1993, S.124

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