Was tun gegen rechtsaußen?​​​​​​

Diese Frage beschäftigt heute nicht nur Linke. Entsetzt und schockiert kommt auch in der sogenannten Mitte der deutschen Bevölkerung an, dass es in Deutschland tatsächlich noch extreme Rechte gibt. Seit den Wahlen sitzen sie in fast jedem Landtag und sogar im Bundestag. Was ist zu tun? Lass uns mal mit denen reden? Von „Entzauberung“ bis „zur Rede stellen“ ranken sich die blumigen Begriffe um diese Auseinandersetzung, auch über die wohlwollende, aber immer kritische Befassung mit rechten Inhalten und den Vertretenden werden immer lautere Debatten geführt. Und alle paar Jahre streifen selbsternannte „Mythenjäger“ — als promovierte Argumentationslogiker, Schiftsteller und Konservative getarnt — durch die Medienlandschaft und wollen mit der Aufdeckung rechter „Sprachspiele“ ​​​ihre eigenen Positionen und Forderungen gegen Denkangebote von rechts verteidigen. ​​​Wenn aber selbst ein „Online-Hulk“ wie René Walter und Macher eines Interneturgesteins wie dem „Nerdcore“-Blog (Link: Das Geile Neue Internet – Potential of (visible) Infinite Idea Space) moderate Töne im Umgang mit Rechten vorschlägt, gilt es, darüber nachzudenken.

Mit gutem Beispiel voran

Im Juni 2017 wurde die Gruppe #ichbinhier mit dem Grimme Online Award ausgezeichnet. In der Begründung heißt es: „Hier steht der Dienst an der Gesellschaft im Vordergrund: Alle, die den Hashtag konstruktiv nutzen, setzen sich aktiv für eine bessere Diskussionskultur und gegen Hass und Hetze im Netz ein. Für die Jury ein auszeichnungswürdiges Engagement.“

#ichbinhier ist eine Facebook-Gruppe, die gegen Hasskommentare und Hetze im Internet vorgeht und als neuartige Strategie innerhalb der Sozialen Medien gegründet wurde. Ziel der Gruppe ist es, das Diskussionsklima auf Facebook zu verbessern: Gruppenmitglieder identifizieren Beiträge und Kommentare, die Schmähungen, Beleidigungen und Hasskommentare beinhalten. Diese werden dann in der Gruppe geteilt und damit den anderen Gruppenmitgliedern bekanntgemacht. Dabei setzen die Mitglieder Counterspeech ein, das heißt, sie schreiben von ihnen als sachlich und respektvoll eingestufte Kommentare und liken entsprechende Beiträge und Kommentare. Dabei wird der Hashtag „#ichbinhier“ verwendet. (https://de.wikipedia.org/wiki/Ichbinhier)

Die Methode „Counterspeech“ im Rahmen der Kampagne #ichbinhier setzt laut Selbstbeschreibung zur Facebook-Gruppe voraus, „dass eine sachliche Auseinandersetzung nicht nur für ein gutes Klima in den Kommentarspalten sorgt, sondern auch Voraussetzung für einen lösungsorientierten Diskurs zu aktuellen politischen und gesellschaftlichen Herausforderungen ist.“ Die Organisierenden sind der Überzeugung, „dass ein solcher Diskurs unsere Demokratie stärkt.“ (FB-Gruppe: #ichbinhier) In dieser geschlossenen Facebook-Gruppe #ichbinhier sind aktuell mehr als 36.000 Accounts als Mitglieder gelistet. Alle diese Accounts erfüllen demnach die „besten Voraussetzungen“ der Gruppenmitgliedschaft, sie haben den Prinzipien der Kampagne zugestimmt und verfügen über ein „klares, glaubwürdiges Facebook-Profil“. Die Liste der Gruppenmitglieder ist facebooköffentlich sichtbar, die Inhalte der Gruppe sind es allerdings nicht. Doch alleine durch die Sichbarkeit der Liste dürfte die damit bisher ausführlichste Aufstellung zivilgesellschaftlichen Engagements mit Klarnamensangabe innerhalb Facebooks vorliegen.

Nazis – eine realexistierende Gefahr für Leib und Leben

Menschen wie ich, die anonym bleiben wollen, bekommen zur #ichbinhier-Gruppe keinen Zugang, denn ich verfüge nicht über ein klares Facebook-Profil unter echtem Namen, mit dem ich dann an Diskussionen in der Gruppe oder an Aktionen des Netzwerks teilnehmen könnte. Unter einem glaubwürdigen Profil würde ich das auch nicht versuchen, denn Rechte sind nicht nur ein Phantom, dem ich ausschließlich online begegne. Ich widerspreche rechten Ideen zwar nicht konfrontativ und ich habe andere Ideen, suche Räume und Gelegenheiten, diese Ideen zu äußern. Dennoch sind Rechte für mich kein Onlinephänomen, sondern eine realexistierende Gefahr für Leib und Leben.

Ich halte es darum weder für notwendig, „Gesicht zu zeigen“ oder Klarnamen anzugeben, noch muss ich überhaupt beim Widerspruch erkannt oder gar gesehen werden. Widerspruch ist für mich auch nicht nur eine andere, konfrontative Haltung in der Diskussion, sondern er kann auch Aktion, Re-Aktion oder vom Bezug losgelöstes Ereignis sein, denn Widerspruch ist nicht nur die Entgegnung in Gestalt eines Gesprächsbeitrags. Beim Kampf gegen Hass und Hetze ist es meines Erachtens wichtiger, bei größtmöglicher Sicherheit die besten Ergebnisse zu erzielen, als vom Gegenüber als Gegner erkannt zu werden — und weil ich Rechten jedes Wort glaube, möchte ich mich vor ihnen schützen. Anonymität bietet diesen Schutz.

Ich bin der Überzeugung, dass die anonyme Meinungsäußerung ein elementarer Bestandteil des lösungsorientierten Diskurses in einer Demokratie ist. Auch die Sicherung des Wahlgeheimnisses ist einer der Grundsätze demokratischer Wahlen und das Recht auf Selbstbestimmung schließt für mich auch die alleinige Verfügungsgewalt über persönliche Daten ein. Denn jede Aufforderung zur Identifizierbarkeit des Widersprechenden birgt die Gefahr, dass Menschen ihre Meinung nicht mehr frei äußern, weil sie dafür mit politisch motivierten Sanktionen oder Übergriffen von extremen Rechten rechnen müssen. Das gilt auch für einen freiwilligen Verzicht als Zugangsvorrausetzung auf Facebook.

31 Gruppen von 7 Fakes gesteuert

Im September 2017 wurde ein Netzwerk 31 Facebook-Gruppen mit insgesamt über 180.000 Accounts enttarnt. Nahezu alle dieser Gruppen wurden von nur sieben gefälschten Profilen gegründet, eine einzige Gruppe wurde von einem realen Menschen gegründet und schließlich von einem Fake-Profil übernommen.  (VICE: Was hinter den Bots steckt, die die 31 Gruppen gesteuert haben).

Dieses Netzwerk half der Partei Alternative für Deutschland (AfD) im Bundestagswahlkampf mit aktiver Unterstützung, seit Anfang 2016 wurden für eine stets wachsende Zahl an Gruppenmitgliedern Propaganda-Material der Partei AfD, Fakenews und rassistische Hetzartikel einschlägiger Portale angeboten — zum Lesen und Teilen, zur Weiterverbreitung und zur ideologischen Einstimmung auf die Bundestagswahl am 24. September 2017. Zur Erinnerung: Keine dieser Gruppen hatte reale Menschen als Administratoren, sie wurden von Fake-Accounts gegründet und betreut.

Die adminstrierenden Fake-Accounts nutzten Fotos von Fitnessmodels, Kampfsportlern, Schriftstellern, Bodybuildern, versahen sie mit stilisierter AfD-Symbolik als Profilbilder und gaben sich die Namen „Anja Bahl“ „Axel Schönhaupt“, „Norbert Bill“, „Maria Wagenfeld“, „Susanne Lanowski“, „Norbert Pillmann“ und „Maik-Brain Stahl“. Diese sieben Fakes bestätigten einander eine scheinbar reale Existenz: Jeder gab einen Wohnort an, mindestens Fragmente eines Geburtsdatums und manche sogar Hinweise auf einen Beziehungsstatus. Ein Fake ging mit einem anderen Fake gemeinsam ins Fitness-Studio, es wurden Verabredungen getroffen, Urlaubsfotos verschickt und gemeinsam gefeiert. Alle diese Fakes wirkten auf den ersten Blick glaubwürdig und authentisch, aber keiner dieser Accounts existierte als realer Mensch.

Eine Funktion dieser Fake-Accounts war das Ausschöpfen der Maximal-Begrenzung von 5.000 Facebook-Freundschaften und das Hinzufügen der eigenen Kontake zu den eigenen Gruppen. So erreichten diese Gruppen innerhalb eines Jahres eine Menge an Neuzugängen und schließlich mehr als 180.000 reale Menschen. Diese AfD-Support-Gruppen deckten zudem unterschiedliche Interessen im rechten Lager ab: von AfD-Kader-Fangruppen bis zu Gruppen mit Namen wie „Gefahr Islam ?“, „Der Koran“, „Heimat-Liebe“, „Mein Vaterland“ oder „Islam-Kritik“ wurde das breite Themenfeld rechter Mobilisierungen der Gegenwart genutzt, um Menschen mit politisch rechten Präferenzen anzusprechen und dauerhaft in die eigenen Strukturen einzubinden.

Fakes schützen die Echokammer vor Kritik

Der Zugang zu den Fake-Profilen war einfach, denn es wurde jede Freundschaftsanfrage angenommen – höchstwahrscheinlich automatisiert -, das Maximum an 5.000 befreundetetn Kontakten war stets ausgeschöpft und diese angenommen Freundschaften wurden ungefragt den Gruppen hinzugefügt. Jedes Posting auf den Fake-Profilen war öffentlich und so auch ohne Freundschaftsstatus nachvollziehbar. Die Fakes waren unzweifelhaft für die öffentliche Präsenz installiert und arbeiteten sehr effektiv, durch ihre Adminfunktion in den Gruppen konnten die Fakes ihre eigenen Facebook-Kontakte ohne zusätzliche Hürden hinzufügen. Alle anderen Accounts mußten eine Einlasskontrolle durch die Moderatoren überstehen. Dabei wurde geprüft, ob diese Accounts bereits Freunde in den Gruppen haben, wie alt die Accounts sind und ob offensichtliche Hinweise im Profil erkennbar sind, dass es sich um Fakes handeln könnte. Sehr junge, nichtssagende Accounts wurden nicht zugelassen, alle anderen schon.

Allerdings war die Moderation nicht in der Lage, andere Fakes als solche zu erkennen, wenn diese nach ihren eigenen Regeln spielten — der Zugang zu den Gruppen war für einen durchdachten Fake unproblematisch, die Handlungsoptionen für das Anstoßen kritischer Diskurse in den Gruppen allerdings extrem begrenzt. Die Moderation entfernte alle kritischen Beiträge, AfD-Kritik oder die Benennung von Rassismus (aber auch offene Bezüge zum Nationalsozialismus) wurden gelöscht und die sich kritisch äußernden Accounts wurden sehr schnell einschließlich aller bisherigen Beiträge entfernt und blockiert. Allerdings nicht aus politischer Distanzierung, sondern weil solche Postings eine Gefahr für den Fortbestand der jeweiligen Gruppe darstellten: Rechtswidrige Postings hätten von anderen Mitgliedern gemeldet werden können und Facebook daraufhin mit Löschung der gesamten Gruppe reagieren. Dagegen wollte die Moderation die Gruppen und Mitglieder schützen und um einen Verstoß gegen die Facebook-AGB unter allen Umständen zu vermeiden, unterwarfen sich die Moderatoren lieber den Regeln politischer Korrektheit — letztlich ebenfalls nur eine weitere Fälschung.

Nach einigen Interventionen wurde der Status der Gruppen innerhalb eines Jahres von ehemals „offen“ auf „geschlossen“ und schließlich auf „geheim“ geändert. 30 der 31 Gruppen waren im Oktober 2017 nur noch für Mitglieder sichtbar, eine letzte blieb im Status „geschlossen“ auch öffentlich auffindbar. Der Mitgliederbestand wuchs dennoch in allen Gruppen weiter, weil Mitglieder ihre eigenen Facebook-Kontakte zu den Gruppen hinzufügten. Das AfD-Fangruppen-Netzwerk funktionierte nach der ursprünglichen Initialzündung auch im Verborgenen und war in ihrem „geheimen“ Status gegen weitere Interventionen abgesichert. Zumindest dachten sie das, wie sich noch herausstellen sollte.

Warum rechte Netzwerke schneller wachsen

Im Vergleich der beiden Netzwerke fallen die Sichtbarkeit bzw. (wenn auch erzwungene) Unsichtbarkeit und die unterschiedlichen Zutrittsvoraussetzungen auf. Während im #ichbinhier-Netzwerk „klare, glaubwürdige“ Facebook-Profile erwartet und vermutlich durch Inaugenscheinnahme geprüft werden, gilt es in rechten Onlinezusammenhängen, ein Profil lediglich altern zu lassen und keinen Antifa-Kram offen zu zeigen. Der Zugang zu rechten Strukturen ist deutlich einfacher. Einmal drin, kann 24 Stunden lang 7 Tage die Woche vorselektierte Propaganda konsumiert werden. Aktive Beiträge, gemeinsame Aktionen werden nicht erwartet. Es zählt die Masse und die schnelle Ansprechbarkeit.

Für die Partizipation an „Counterspeech“-Projekten hingegen wird die Offenlegung der realen Existenz zur Zutrittsvoraussetzung. In rechten Zusammenhängen gelingt die Kontaktaufnahme mit den richtigen Ansprechpartnern über die Vorzeigbarkeit der politischen Präferenzen. Durch Inaugenscheinahme ist weder die politische Gesinnung prüfbar, sondern immer nur einen Zuschaustellung, noch die reale Existenz der dargestellten Person. Beide Vorstellungen der Netzwerkbetreibenden gelten dem, wie ein Profil ihrer Meinung nach auszusehen hat, damit es zur eigenen Gruppe passt. Diese Vorstellungen zu erahnen und diese auch in einem Facebook-Profil abzubilden, ist kein Hexenwerk.

Das #ichbinhier-Netzwerk kündigt bei erfolgreichem Gruppeneintritt den Einsatz eines „Such-Tools“ an. Mit einem Beitritt zur Gruppe werden alle öffentlichen Kommentare des Accounts „automatisch von einem Tool erfasst“ . Dieses Tool soll das schnellere Auffinden der Kommentare ermöglichen. Dem automatisierten Zugriff kann widersprochen werden. Vermutlich kommt zum Auffinden der Kommentare die Funktion „Graph Search“ zum Einsatz. Ob die so aufgefundenen Kommentare jeweils in die Gruppe zurückgespielt werden, ist nicht bekannt. Da aber so alle öffentlichen Kommentare erfasst werden – und eben nicht nur jene, in denen der Hashtag verwendet wird – ist der Einsatz automatisierter Prozesse zum Auffinden der Kommentare übertrieben. (Anleitung: FB Graph Search) #ichbinhier-Kommentare lassen sich auch jederzeit über die Nutzung des Hashtags Auffinden.

Vermutlich hätten alle AfD-Fakes Zutritt zur #Ichbinhier-Gruppe bekommen, wenn sie in ihren öffentlichen Beiträgen nur auf offensichtliche AfD-Bezüge verzichtet hätten. Profile aber, die – aus unterschiedlichen Gründen – keine nachvollziehbaren Hinweise auf eine reale Existenz sichtbar anbieten, bestehen die strengen Zutrittskontrollen zum Anti-Hatespeech-Netzwerk nicht.

Hier darf gern nachgebessert werden: Wieviel soziale Kontrolle ist tatsächlich notwendig und welche Zugangsvoraussetzungen sind wirklich wichtig?

Der Safespace für Rechtskonservative

Die Mitglieder in diesem Netzwerk aus Fakes und Facebookgruppen interessierten sich nicht dafür, ob die Gruppen-Admins lediglich Fälschungen darstellten, ob die anderen Mitglieder echte, lebende Menschen sind oder mit welcher Motivation dieses Netzwerk arbeitet und gegründet wurde. Deshalb braucht es für das Verständnis als Netzwerk einen Perspektivenwechsel. Als Mitglied wirken die Teile des Netzwerks wie eine ganz normale, moderierte Facebook-Gruppe, in der Rechte und Konservative ohne Angst vor Kritik ihre Meinungen sagen können — für unbedarfte Nutzer wirkten diese Gruppen wie ein ganz normaler ‚Safespace‘ für Rechtskonservative.

Vermutlich suchten Menschen in diesen Gruppen eine Gemeinschaft, in der sie verstanden werden in geschützter Umgebung. In den moderierten Gruppen wurden die Mitglieder in ihren Interessen durch andere Mitglieder bestätigt, verstanden und ernst genommen. Es fanden zwar keine politischen Diskussionen statt, aber sie nahmen durch Liken, Sharen und Kommentieren an politischen Debatten teil. Als Gruppenmitglieder bekamen Menschen selektierte Informationen zugestellt und bildeten sich dazu Meinungen. Die Gruppenmitglieder fühlten sich in ihrem Umfeld vor Kritik sicher, denn die Moderation „schützte“ die User vor Einflussnahme von außen. Haltungen konnten mit Gleichgesinnten ausgetauscht und bestätigt werden, die eigene Meinung kam als Echo mehrfach zurück und bildeten eine geschlossene Filterblase. (http://www.blog-der-republik.de/der-echo-kammer-effekt/)

Erst durch die Analyse der Fakes wurde deutlich, dass es sich eben nicht um eine zufällige Ansammlung von Gruppen handelte, sondern um ein straff organisiertes und detailliert geplantes Netzwerk mit dem Zweck politischer Einflussnahme im bevorstehenden Bundestagswahlkampf. 30 von 31 Gruppen wurden durch jeweils einen Fake-Account gegündet, aber in allen 31 Gruppen erhielten alle 7 Fake-Accounts die Admin-Rechte. Eine konzertierte Aktion. Jede dieser Gruppen wurde anfänglich exklusiv durch alle 7 Fakes administriert, nach Sperrung von 3 der 7 Fakes im Februar 2017 wurden darüber hinaus weitere authentische Accounts mit Moderationsrechten für die Gruppen ausgestattet und unterstützten die Admins.

Der Reichspropagandaleiter der Partei DIE PARTEI gestaltet um

Am 3. September 2017 wurde dieses Netzwerk aus Facebook-Gruppen schließlich durch den Reichspropagandaleiter der Partei Die PARTEI übernommen und umgestaltet. Die Fake-Accounts hatten zuvor gegen unterschiedliche Facebook-Regeln verstoßen und wurden nacheinander gesperrt. In dieser Notsituation übertrug man die kompletten Adminrechte freiwillig auf einen anderen Account, zu dem es keine persönlichen Kontakte gab. Die bisherigen Admins und Moderatoren wurden in einer Nacht- und Nebelaktion ersetzt, die Gruppen bekamen neue Titel und neue Titelbilder, das Netzwerk wurde komplett umfunktioniert. In einem Video zur Übernahme erklärte der Reichspropagandaleiter der PARTEI, Shahak Shapira, dass die Gruppenmitglieder zukünftig nicht mehr von Robotern, sondern ab jetzt nur noch von echten Menschen verarscht werden. (Youtube:
Shahak Shapira – Die PARTEI hat die Kontrolle über 31 geheime Facebookgruppen übernommen) Die PARTEI verfünffachte daraufhin ihren Stimmenanteil auf 1% der abgegeben Wahlstimmen zur Bundestagswahl 2017. Die AfD kam aus den Stand auf 12,6% der Stimmen.

Welchen Einfluss diese AfD-Fangruppen auf die Bundestagswahl nehmen konnten und ob überhaupt, kann bisher nicht nachgewiesen werden. Auch nicht, ob die Gruppenübernahme die Wahlergebnisse in irgendeiner Weise beeinflusst hat. Die Gefährlichkeit des Einflusses einer  fragmentierten und ideologisch gesteuerten Onlinecommunity auf und die Bedeutung für ein zunehmend zersplittertes Gemeinwesen lässt sich nur schwer einschätzen, aber unser Verständnis  des „Wir“-Gefühls einer Gesellschaft wird auch in sozialen Netzwerken beeinflusst und dort wird es dank stetigem Nutzerwachstum immer enger. Facebook bedrückt es letztlich nicht wirklich, auch falsche Nachrichten zu verbreiten oder ob hinter seinen Accounts echte Menschen stecken. So wurde Facebook zum Beispiel erst gegen Fakes aktiv, als die Rechteinhaber gegenüber Facebook entsprechende Rechtsverletzungen anzeigten. Die Gruppen wurden auch bei Meldungen nach Hasspostings nicht stillgelegt, die entsprechenden Accounts lediglich zeitweise gesperrt.

Wenn es gratis ist, bist du das Produkt

Den Gruppen standen darüber hinaus besondere technische Analysefunktionen zur Verfügung (https://allfacebook.de/features/grosses-update-fuer-facebook-gruppen-insights-geplante-posts-filter-und-spamschutz), die zwar laut Veröffentlichungen erst seit Juli 2017 testweise für einzelne Nutzer eingeführt werden sollen, aber tatsächlich schon im September 2017 in allen AfD-Fangruppen verfügbar waren. Man kann Facebook hier durchaus eine unterstützende Betreuung eines bekanntermaßen von Bots gesteuerten Gruppen-Netzwerks aus geschäftlichen Interessen vorwerfen.

In diesem Sinne schließe ich mich Kai Biermann an, der am 8, August 2011 in der ZEIT schrieb: „Wir sollten weniger Abwehrreflexe zeigen, wenn es um das Internet geht. Stattdessen sollten wir mehr über seine Möglichkeiten aufklären und rationaler über seine Mechanismen diskutieren.“ (Zeit-Artikel: Link)

Die Funktion Facebooks als Werbplattform, die daraus resultierende Einflussnahme auf den politischen Prozess und die ihr innewohnende Tendenz, die Nutzer und damit Gesellschaft zu fragmentieren und in gleichgesinnte Gruppen zu sortieren, besorgt Spaltung statt Vernetzung.  Facebook sabotiert sich hier letztlich selbst, arbeitet gegen seinen eigenen Sinn und bietet in seiner selbst verschuldeten Demontage ein Einfallstor für die extreme Rechte in Deutschland. Es gilt, diese Mechanismen zu durchschauen und auf die vielfältigen Manipulationsmöglichkeiten in den Sozialen Netzwerken hinzuweisen, um einen transparenten politischen Diskurs in den Neuen Medien zu ermöglichen.

Deutschlandfunk: Über Facebook – Du bist das Produkt

2 Kommentare

  1. Karl Huber

    „Was tun gegen rechtsaußen?​​​​​​“

    Verrückte Idee: Recht und Gesetz wieder herstellen.

    Antworten
    • Admin_NmRr

      Soll nun heißen?

      Antworten

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