Polemik zum Warmwerden

Für das Gespräch mit Rechten werden die Nichtbrutalen den Stiefelnazis bevorzugt. Die Stiefelnazis sind was für die Antifa. Manche meinen mit Reden, den netten Naziopa nicht mehr vor die Tür zu schieben, wenn mit der Familie gefeiert wird. Andere trinken ihr Bier trotzdem noch aus, auch wenn der Wirt sich gerade als AfD-fan outete. Am sichersten redet man mit Rechten aber sowieso im Internet, so dass auch ja nichts passieren kann. Dem verzweifelten Versuch, die Rechten auf Reden als bevorzugtes Mittel der Auseinandersetzung einzuschwören, wird dann doch nicht so recht vertraut. Die Straße gehört immer den anderen. Verkloppt werden auch die anderen und eben nicht der weiße, deutsche Sozial- oder Geisteswissenschaftler mit Redebedarf. Wenn aber das gesamte Gespräch vollends verkackt wird, müssen die stillen Mitlesenden dran glauben, die von der Kraft des besseren Arguments total beeindruckt, hoffentlich die Seiten oder zumindest das Studienfach wechseln. „Yeah. Geile Diskussion. Lass uns mal was Rhetorik machen. Und mit Menschen.“ Die Rechten selbst überzeugen zu können, daran glaubt eigentlich niemand mehr.
So weit, so schlecht.

In dieser Ideenwelt des Allesberedenkönnens spielen 2 Phänomene moderner Kommunikation im Internet keine Rolle: Echokammern und Bots. Über die Wirkmacht einer Echokammer wurde in diesem Beitrag etwas ausgesagt: Eine winzig kleine und kaum wahrnehmbare Gruppe aus 7 Fake-Accounts integrierte eine Masse in der Anzahl der Bevölkerung einer deutschen Großstadt an echten Accounts in eigens zu diesem Zweck gegründete Facebook-Gruppen, um sie penetrant mit rechter Propaganda zu beschießen. Über Wochen, Monate und Jahre. Den Content für diese Gruppen besorgten die Insassen, aber auch Bots.
Aber was ist eigentlich ein Bot?

Was ist ein Social-Bot?

Hier soll folgende Definition gelten: Ein Bot ist ein Account, dem die Produktion von Output in rhythmischer Routine nachgewiesen werden kann. Diese Routine kann auch im Zusammenspiel mit anderen Accounts sichtbar werden. Die Analyse der Routine berücksichtigt die Frequenz der Veröffentlichung wie auch die Regelmäßigkeit der Publikationen über einen bestimmten Zeitraum. Tritt ein solcher Account in Zusammenhängen auf, deren Nutzungsbedingungen den Betrieb von Accounts durch echte Menschen erfordern, wird ein Bot auch „Social-Bot“ genannt.

Facebook-Accounts  wie „Wolfgang Wirth“, die sich in einem Netzwerk anbieten, das von Nutzer_innen verlangt, jeweils „nur ein einziges persönliches Konto“ zu unterhalten (Facebook AGB, „Erklärung der Rechte und Pflichten“, Pkt 4.2), spekulieren darauf, von anderen Nutzer_innen für echte Menschen gehalten zu werden. Die Facebook-AGB verpflichten alle Facebook-NutzerInnen tatsächlich,  ihre echten Namen und echte Informationen anzugeben. Ob Namen „echt“ sind, muss im Verdachtsfall durch Hinterlegung einer Ausweiskopie gegenüber Facebook bestätigt werden. Darum ist klar: „Wolfgang Wirth“ will als echter Mensch gelten und so mit echten Menschen kommunizieren. Der Account „Wolfgang Wirth“ ist ein Social-Bot.

Wer ist „Wolfgang Wirth“?

Alle Postings auf dem Profil „Wolfgang Wirth“ sind stets öffentlich. Das Profil wird nicht täglich bedient. Der Postingrhythmus startet für Wirth zwischen 8 und 10 Uhr. Beginnt Wolle sein Tagwerk, dann immer nach einem bestimmten Muster: Es werden im Abstand weniger Minuten alle Postings veröffentlicht, die dann später im Laufe des Tages auf dem Profil wiederholt und in Facebook-Gruppen verteilt werden. Wolfgang ist in 7 sichtbaren Gruppen Mitglied. Er postet in mindestens 3 von diesen 7 Gruppen regelmäßig Beiträge sowie auf seinem Profil. Der jeweils täglich abzuarbeitende Stapel an Beiträgen kann aus 3 Postings aber auch 8 oder 20 Einzelpostings bestehen.

Diagramm, Wolfgang Wirth, Protkoll
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Diagramm aller bisher erfassten Postingaktivitäten des FB-Accounts „Wolfgang Wirth“, ab 28.12.2017 bis zum 07.02.2018

Diese Postings werden tagsüber an verschiedene virtuelle Orte „verteilt“. In diesem Verteilsystem landen 4 der Postings auf Wirths eigenem Profil und jeweils 1 in den Facebook-Gruppen „Klartext – vernetztes Vaterland“ (ID: 551315658412405), „Der Islam gehört nicht zu Deutschland (Meinungszensur nur im Extremfall)“ (ID: 928849560470941)  und „Die Patrioten“. Wolfgang war bis 24.01.2018 auch noch Mitglied in der Gruppe „PizzagateUncompromised“, ist dort aber mittlerweile nach Beschwerden als Offtopic-Poster ausgeschlossen. Die Postings, die auf seinem Profil landen, lassen sich vermutlich damit erklären, dass die Mitgliedschaft in anderen Gruppen endete. Wolle war auch Dauerposter in 8 Gruppen des AfD-Fangruppe-Netzwerks. Diese Gruppen sind aber archiviert und können somit nicht mehr eingesehen werden.

Was macht „Wolfgang Wirth“?

Wolfgang Wirth ist kein Hetzer, er diskutiert auch nicht. Er kommentiert seine eigenen Beiträge spärlich, postet nichts Persönliches auf seinem Profil und plaudert nicht über sein Privatleben. Er ist, bis auf seine Massen an penetranten Postings, sehr diskret. Er macht keine Angaben zum Alter, zur Herkunft, zum Familienstand, bietet kein Bild von sich und hat auch nur 82 Facebook-Freundschaften. Einige tragen seinen Nachnamen, andere sind Admins der Gruppen, in die Wolfgang postet, und einer ist ein AfD-Wahlplakate-Bewacher aus Bayern. Wolfgang mag Musik von AC/DC  bis Coldplay, ihm gefallen alle einschlägigen rechten Onlineseiten, darunter auch Fanseiten der Republikaner und einzelner NPD-Kader.

Wolfgang macht nichts Schlimmes, außer dass er gegen die AGB von Facebook verstößt, einen echte Menschen imitiert und als Propagandaschleuder arbeitet. Er wählt aber seine Postings überwiegend monothematisch aus. Es geht fast ausschließlich um Migration und Gewalt. Dabei greift er bevorzugt auf unverdächtige Medien zurück, so BILD, FOCUS, T-Online, Das Presseportal, Morgenpost, aber auch Provinzblätter wie „Rundblick-unna“, „SHZ“ oder die „Badische Zeitung“. Das sind keine „Fake-News“, aber ein nach politischen Präferenzen sortiertes Informationsangebot für seine Kontakte und die anderen Mitglieder in den jeweiligen Gruppen.

Wie macht „Wolfgang Wirth“ das?

Wolles Tagespensum  am 07.02.2018 setzt sich aus folgenden Schlagzeilen zusammen:

  1. 09:07 Uhr, „Berlusconi nennt Migranten «soziale Bombe»“
  2. 09:08 Uhr, „Enttäuschte Flüchtlinge könnten sich radikalisieren“
  3. 09:10 Uhr, „Studie: Armutsrisiko von Familien erhöht sich mit jedem Kind“
  4. 09:12 Uhr, „Richterverband: Abarbeitung der Asylklagen dauert noch Jahre“
  5. 09:19 Uhr, „Bosbach wütet bei Lanz gegen Flüchtlingspolitik: „Dann geben wir unser Land auf““
  6. 09:21 Uhr, „Flüchtlingsbetreuerin: „Fast schon zu spät für Deutschland“
  7. 09:23 Uhr, „Flüchtlinge kommen wieder über die Mittelmeerroute“
  8. 09:27 Uhr, „Gefährliche Tuberkulose in Deutschland auf dem Vormarsch“
  9. 09:39 Uhr, „Das sind die ersten Flüchtlingshäuser der Stadt Bielefeld“
  10. 11:03 Uhr, „Anschlag auf Obdachlosen in Berliner U-Bahn: Feuerteufel schon wieder im Knast“
  11. 11:20 Uhr, „POL-FR: Breisach: Radfahrer am frühen Morgen überfallen – Kripo sucht Zeugen“
  12. 11:50 Uhr, „Wieder belästigt ein Mann im Bad Krozinger Kurpark zwei Frauen“
  13. 12:19 Uhr, „Fünf junge Männer greifen Zwillinge mit Glasflaschen an“
  14. 12:30 Uhr, „Drei Festnahmen nach Überfall auf Jugendwohnung in Hamburg-Wellingsbüttel“
  15. 12:39 Uhr, „Fast viermal so viel Menschen durch Familiennachzug nachgeholt“
  16. 12:43 Uhr, „Sie schrie laut um Hilfe, dann floh er: Frau im Hausflur sexuell belästigt“
  17. 12:51 Uhr, „In Pasing und am Hauptbahnhof: Randalierer gehen auf Polizei los“
  18. 13:02 Uhr, „19 Jähriger schlägt und tritt Opfer (23) – sein Begleiter (18) filmt und lacht…“
  19. 13:12 Uhr, „Familie mit vier Kindern terrorisiert ihre 29 Nachbarn“

 

 

Screenshot eines Postings, Wolfgang Wirth
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Screenshot eines Postings von Wolfgang Wirth in der Gruppe „Klartext – vernetzes Vaterland“

 

Screenshot eines Postings, Wolfgang Wirth
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Screenshot eines Postings, von „Wolfgang Wirth“ in der Gruppe „Der Islam gehört nicht zu Deutschland (Meinungszensur nur im Extremfall)“

 

Screenshot eines Postings, Wolfgang Wirth
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Screenshot eines Postings von „Wolfgang Wirth“ in der Gruppe „Die Patrioten“

 

Screenshot eines Postings, Wolfgang Wirth
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Screenshot eines Postings, Wolfgang Wirth
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(Posting 1) wird um 09:07 Uhr bereitgestellt und ab 9:38 Uhr erneut jeweils 6 mal verschickt, davon 3 Mal auf das eigene Profil im Abstand weniger Sekunden und in die 3 Gruppen, P 2) um 9:43 Uhr wieder 6 mal, P 3) ab 10:07, P 4) ab 10:12, P 5) ab 10:17, P 6) ab 10:23, P 7) ab 10:37, P 8) ab 10:45 usw…später eingestellte Einzelpostings werden sofort verteilt.)

Alles in allem kommt Wolle am 7. Februar 2018 auf 142 nachweisbar abgesetzte Postings, die Mehrzahl auf seinem eigenen Profil. An anderen Tagen auf mehr Postings, meistens weniger. Mit diesen Postings „bestückt“ er derzeit 3 Facebook-Gruppen mit jeweils mehr als 20.000 Mitgliedern.

 

Nr. Name Mitglied seit Member 27.12.17 Member 03.02.18 URL
1 Mut zu Deutschland 4006 3652 /groups/1413060752346668/
2 Umfragen 4356 4358 /groups/128449377315907/
3 Freiheit Für Deutschland = FFD 6741 6414 /groups/Freiheitfuerdeutschland/
4 Patriotischer Widerstand Deutschlands 6835 6765 /groups/478512458994402/
5 Der Islam gehört nicht zu Deutschland (Meinungszensur nur im Extremfall) 10.12.16 20781 20523   /groups/928849560470941/
6 Klartext – vernetztes Vaterland 08.09.17 23195 25814   /groups/551315658412405/
7 Die Patrioten 12.03.17 29717 30163   /groups/DeutschlandPatrioten/

(Diese Aufzählung erhebt nicht den Anspruch auf Vollständigkeit. Das hier ist keine wissenschaftliche Abhandlung sondern die Abbildung automatisierter Posting-Routine.Vielleicht postet Wolle auch in die restlichen 4 der insgesamt 7 Gruppen, in denen er Mitglied ist. Der Fokus liegt auf Gruppen mit über 20.000 Mitgliedern.)

Wer hat Angst vor „Wolfgang Wirth“?

Ansich könnte man Wolfgang einfach so machen lassen. Was geht uns denn ein Verstoß gegen die Facebook-AGB an? Ob solche Propagandaschleudern Wahlen beeinflussen, Menschen radikalisieren oder überhaupt irgendetwas bewirken, kann bisher – jedenfalls meines Wissens – nicht nachgewiesen werden. Wolfgang verschaukelt also in seiner abgefahrenen Onlinepräsenz die Ahnungslosen in seiner Kontaktliste und die naiven Mitglieder in den Gruppen, die ihn für einen eifrigen Mitbürger halten, mit dem sie ihre Sorgen und ein politisches Programm teilen. Wahrscheinlich sitzt hinter Wolfgang aber durchaus so ein eifriger und engagierter Mitbürger mit richtig viel Schiss vor Zuwanderung und dem herangaloppierenden Volkstod. Aber es ist auch jemand, der nie so viel Output produzieren könnte wie der Account „Wolfgang Wirth“ es kann – jedenfalls nicht ohne Unterstützung automatisierter Programme – und nicht in der relativ kurzen dafür aufgewendeten Zeit. Der Account „Wolfgang Wirth“ würde auch nicht funktionieren, wenn Facebook sich an die eigenen AGB halten würde. Das Profil wurde mehrfach als „gefälscht“ gemeldet. aber Facebook erkennt keinen Verstoß gegen die eigenen AGB. Auch der Umstand, dass bis vor Kurzem noch sehr viel mehr solcher Bot-/Fake-Accounts aktiv waren [Screenshots] und „Wolfgang Wirth“ durchaus als eine Art Relikt einer mühsam vernichteten Troll-armee gelten kann, lässt schon fast zärliche Gefühle aufkommen.

In diesem Sinne:
Redet mit ihm! Wenn ihr das wollt. Oder: Erschlagt ihn! Schade ist es nicht drum und der Mensch hinter diesem Bot wird sich vor Wut in den eigenen Hintern beißen, wenn Wolle gesperrt wird. Da steckt nämlich richtig viel Arbeit drin. Jedenfalls deutlich mehr als hinter dem Aufdecken solcher Phänomene.

Weiterlesen:

http://0x0a.li/de/bots-unter-generalverdacht/
http://www.kas.de/wf/de/33.48212/
https://www.udldigital.de/social-bots-die-masse-machts/
https://www.heise.de/newsticker/meldung/Rechte-manipulieren-staerker-als-Linke-Soziale-Medien-und-die-politische-Debatte-3952270.html

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