Eine Positionen, die man nicht teilt, mit Argumenten zu entkräften zu versuchen, ist eine normale, erwachsene Reaktion. Insofern mutet es seltsam an, dass das MRR-Autorentrio verkündet, man solle es gegen die Rechten doch endlich mit Argumenten statt mit Empörung versuchen, und so tut, als habe es den Stein der Weisen gefunden. Tatsächlich versuchen viele Menschen sowohl im öffentlichen Diskurs als auch in privaten Gesprächen, rechte Positionen mit Argumenten zu widerlegen, und machen dabei die verstörende Erfahrung, dass sie Rechte nicht überzeugen können und oft in solchen Diskussionen als erste in Verlegenheit gebracht werden oder dass Rechte sehr schnell aggressiv werden. Wichtig wäre nun eine Analyse dieser Erfahrungen und die Suche nach Gründen: Verfestigte rechte Weltbilder und Ressentiments sind nicht rational und lassen sich durch Argumente nicht überwinden. Die Zeit und Kraft, die frei wird, wenn man auf das aussichtslose Unterfangen, Rechte durch Argumente zu überzeugen, verzichtet, kann man nun darauf verwenden, sich selbst zu informieren und mit Menschen zu diskutieren, die für Argumente offen sind.

Kein Stein der Weisen: argumentieren

Die häufigste Begründung, warum Menschen meinen, mit Rechten im Gespräch bleiben zu müssen, ist die, dass sie meinen, nur im Gespräch und mit Argumenten könne man sie dazu bewegen, ihre Ansichten zu ändern. Wenn man nicht mehr mit ihnen reden würde, gäbe man jede Hoffnung auf, dass sie überhaupt noch umdenken könnten.

Dies ist teilweise richtig und teilweise falsch. Grundsätzlich gehen wir alle davon aus, dass wir unsere eigenen Überzeugungen aufgrund von Einsicht ändern und nicht aufgrund von persönlichen Präferenzen oder Bequemlichkeiten. Wir sehen ein, dass wir unsere Positionen ändern müssen, wenn jemand bessere Argumente hat als wir und wenn wir einsehen, dass diese Argumente schlüssig sind. Umgekehrt versuchen wir, mit Argumenten andere Menschen von unseren Positionen zu überzeugen, selbst im Alltag: Wir begründen, warum es besser ist, in einer Ferienwohnung zu wohnen statt in einem Hotel (oder umgekehrt), warum unser Lieblingsverein unbedingt den Trainer entlassen müsste (oder nicht), warum der Doppelkopfpartner sein As am besten gleich am Anfang gespielt hätte (oder warum nicht vorhersehbar war, dass das richtig gewesen wäre).

Dass man, wenn man mit Ansichten konfrontiert ist, die den eigenen widersprechen, die andere Person mit Argumenten zu überzeugen versucht, ist also eine sehr normale Reaktioni – es ist die Reaktion, die den meisten von uns als ideales Verhalten zwischen Erwachsenen vorschwebt: gegenseitiges Überzeugen durch Argumente, Ändern der eigenen Position durch Einsicht in die besseren Argumente des anderen. Dahinter steckt ein positives Menschenbild, das ich grundsätzlich teile: Menschen sind rationale Wesen, sie können über Argumente nachdenken, sie sind lernfähig und können unsere Haltungen ändern – das macht uns als Menschen aus.

Wenn man genauer hinsieht, wird man allerdings feststellen, dass es verhältnismäßig selten ist, dass jemand eine Überzeugung ändert, an der er schon längere Zeit festhält. Am besten wirken Argumente in Situationen, in denen die andere Person sich unschlüssig ist. (Man kann dies selbst im Alltag ausprobieren, etwa wenn man jemand beim Kauf berät.) Selbst in den genannten Alltagsbeispielen (Urlaub, Fußball, Doppelkopf) enden die Diskussionen in aller Regel damit, dass jeder oder jede bei der eigenen Überzeugung bleibt. Die Ausnahme stellt das erste Beispiel dar, wenn man überhaupt gemeinsam in Urlaub fahren will: hier setzt sich die Person durch, der es gelingt, der anderen klar zu machen, dass ihre Wünsche und Bedürfnisse wichtiger sind.

Überzeugungen lassen sich also nicht so einfach verändern, wie dies angeblich idealerweise der Fall sein soll: Max Planck hat einmal bemerkt, dass dies selbst in der Wissenschaft der Fall istii:

„Eine neue wissenschaftliche Wahrheit pflegt sich nicht in der Weise durchzusetzen, daß ihre Gegner überzeugt werden und sich als belehrt erklären, sondern vielmehr dadurch, daß ihre Gegner allmählich aussterben und daß die heranwachsende Generation von vornherein mit der Wahrheit vertraut gemacht ist.“ – Wissenschaftliche Selbstbiographie, Johann Ambrosius Barth Verlag, Leipzig, 1948, S.22

Schwierigkeiten beim Argumentieren gegen Rechts

Wer versucht, gegen rechts zu argumentieren, stellt in aller Regel schnell fest, dass dies nicht einfach ist: Erstens machen rechte Sprüche häufig sprachlos, weil man sie nicht erwartet: nicht in dieser Situation, nicht von dieser Person, nicht dermaßen absurd, nicht dermaßen weit entfernt von allem, was als Allgemeinwissen vorausgesetzt werden können sollte.

Ein Beispiel für eine absurde Behauptung wäre die Forderung meiner ehemaligen Chorleiterin, dass muslimische Kinder nicht am Martinstag von Tür zu Tür ziehen und um Süßigkeiten bitten sollen: „Das ist unsere Kultur – die haben ihre eigene Kultur.“ Ein aktuelles Beispiel, das gerade im Internet die Runde macht, ist die Behauptung Don Alphonsos, Linke bildeten ihren eigenen Stamm: https://twitter.com/faz_donalphonso/status/962225735309103104 iii Ein Beispiel für eine Behauptung, die allem widerspricht, was man an Allgemeinwissen voraussetzen könnte, wäre die Behauptung, dass Deutschland nicht für den Zweiten Weltkrieg verantwortlich sei. Es sind auch Kombinationen möglich: Etwa, wenn mittels einer Behauptung, die absurd scheint, die man aber auf die Schnelle nicht nachprüfen kann, die deutsche Alleinverantwortung für den Zweiten Weltkrieg geleugnet wird. Beispiele dafür wären die Behauptungen, dass die Amerikaner beide Weltkriege finanziert und jeweils abgewartet hätten, wer gewinnt, und sich erst dann eingemischt hätten, und (kurz darauf in derselben Situation von derselben Person geäußert) dass Hollywood Hitlers Propagandawochenschauen finanziert hätte – dass also im Klartext die Amerikaner oder die Juden („Hollywood“) die Verantwortung für den Zweiten Weltkrieg trügen, indem sie diesen finanzierten und zur Propaganda beitrugen.

Im Prinzip ist es einfach, diese Behauptung mit dem Hinweis auf den amerikanischen Kriegseintritt nach dem Angriff auf Pearl Harbour zurückzuweisen. In der konkreten Situation ist es aber nicht einfach, erstens weil man über die geäußerten Ansichten erschrickt, zweitens weil man nicht immer alle historischen Tatsachen parat haben kann. Möglicherweise denkt man erst einmal darüber nach, ob es irgendwelche Details gibt, die man noch nicht kennt.iv Hinterher wünscht man sich, man hätte schlagfertiger reagiert, hätte sofort das richtige Argument oder Faktum gebracht, mit welchem man hätte zeigen können, dass die Behauptung des anderen absurd ist, und man überlegt, welches Argument dies hätte sein können. Das ist grundsätzlich nicht schlecht: man lernt dabei etwas über Geschichte, und wenn man wieder auf die gleiche Behauptung stößt, kann man schneller reagieren. Mit der Zeit wird man ein Repertoire von Antworten entwickeln. (Es gibt Bücher und Websites, in denen typische Behauptungen der Rechten und Entkräftungen aufgelistet sind. Ein schönes Beispiel findet sich hier: http://www.nichts-gegen-juden.de/ Man kann einiges lernen, wenn man sich Fragen und Antworten durchliest; andererseits ersetzt die Seite nicht die Lektüre historischer Bücher, und ob sich Rechte von den Antworten beeindrucken oder gar überzeugen lassen, halte ich für fraglich.)

Wenn man zu argumentieren gelernt hat und sich von rechten Sprüchen nicht mehr sprachlos machen lässt, stößt man auf die zweite Schwierigkeit, die sich beim Argumentieren gegen rechts ergibt: egal wie perfekt das eigene Argument ist und wie gut man den Unsinn der gegnerischen Behauptung aufgedeckt hat, die andere Person wird sich nicht überzeugen lassen. Stattdessen wird eine neue Behauptung vorgebracht, die noch abstruser ist als die vorangegangene und mit dem ursprünglichen Thema nichts zu tun hat, außer dass sich in ihr die gleiche Grundhaltung ausdrückt. Dies ist das Themen-Hopping der Rechten, das in Seminaren „Argumentieren gegen rechts“ beschrieben wird. Die oben genannten Äußerungen wären ein Beispiel: Nachdem die Behauptung, die Amerikaner hätten abgewartet, wer gewinnt, und erst dann entschieden, auf welcher Seite sie sich einmischen, zurückgewiesen wurde, wird eine neue Behauptung aufgebracht, dieses Mal über „Hollywood“. Die Grundaussage ist die gleiche: Nicht die Deutschen, sondern die Amerikaner und die Juden sind für den Zweiten Weltkrieg verantwortlich. Ein anderes Beispiel ist mir einmal in einem Café passiert: Neben mir sagte eine Frau zu ihrem Sohn: „Man weiß doch, wer immer die Wechselstuben betrieben hat“, und als ich einwandte, dass dies einer der wenigen Berufe war, die Juden im Mittelalter offen standen, war die Antwort: „Aber man sieht doch, was sie jetzt mit den Palästinensern machen.“ Auch hier ist die Grundaussage die gleiche: Nicht „die Deutschen“, sondern „die Juden“ sind böse.

Wenn keine Argumente mehr einfallen oder wenn die Person einsieht, dass sie es mit jemandem zu tun hat, der mehr über Geschichte weiß als sie selbst, oder wenn man, des Themen-Hoppings überdrüssig, die zugrundeliegende Haltung offengelegt hat (im zweiten Fall den Antisemitismus, im ersten Fall die Schuldverschiebung), wird auf die persönliche Ebene gewechselt: Die andere Person ist böse, dass sie jemanden als rechts bezeichnet hat (selbst wenn dieses Wort so ausdrücklich nicht verwendet wurde), sie ist verrückt (man weiß ja, dass man selbst nicht rechts ist, also muss jemand, der behauptet, man sei rechts, verrückt sein), sie war zu konfrontativ – es gibt viele Möglichkeiten. Manchmal wird sogar Therapie angeboten. Spätestens jetzt ist es Zeit, das Gespräch abzubrechen.

Wichtig ist jetzt, sich keine Vorwürfe zu machen: Wenn ich besser argumentiert hätte, wäre das Gespräch anders gelaufen. Wenn ich weniger konfrontativ vorgegangen wäre, wäre mein Gegenüber vielleicht aufgeschlossener gewesen. Nichts davon stimmt.

Vielleicht hätte das Gespräch länger gedauert, wenn man bessere Argumente gehabt hätte. Vielleicht wäre die Gegenseite sprachlos gewesen, nicht man selbst. Aber es ist sehr unwahrscheinlich, dass man den anderen durch bessere Argumente überzeugt hätte, dass seine Position falsch ist. Vielleicht hätte es länger gedauert, bis das Gespräch eskaliert ist, wenn man vorsichtiger in den eigenen Formulierungen gewesen wäre, aber irgendwann wäre es doch eskaliert. v

Ursachen der Unmöglichkeit, Rechte zu überzeugen

Wenn man sich in die Situation der rechten Person hineinversetzt, kann man leicht verstehen, warum Diskussionen so schwierig ablaufen. Die rechte Person ist nämlich kein kleines Kind, das es einfach nicht besser weiß und jetzt aufgeklärt werden müsste. Sie hat genauso wie alle anderen Menschen im Geschichtsunterricht und in unzähligen anderen Informationsquellen gelesen und gehört, dass Deutschland für den Zweiten Weltkrieg verantwortlich ist. Sie hat auch unzählige Male gehört, dass Rassismus, Antisemitismus, Homophobie und Sexismus falsch sind. Sie weiß, dass es keine rationalen Argumente gegen die Ehe für alle gibt, nur „ich finde das komisch“ oder „Das ist gegen meinen Glauben.“ Sie weiß, dass Hautfarbe und Geschlecht nichts mit Intelligenz zu tun haben.

Die rechte Person hat sich daher allerlei Argumente zurechtgelegt und faktische Details herausgefunden, die ihr erlauben, bei der eigenen Position zu bleiben. Gegenargumente und widersprechende Fakten werden ignoriert. Für einen Menschen, der kein Spezialist ist, sondern sich darauf verlässt, dass das, was er im Geschichtsunterrricht gelernt und was er in seriösen Büchern und seriösen Medien gelesen und gehört hat, richtig ist (was im Prinzip nicht schlecht ist), sind Gegenargumente und faktische Details oft schwer durchschaubar und schwer zu widerlegen. Manchmal verlegt die rechte Person sich auf Spitzfindigkeiten, ähnlich wie ein Kind, das Widersprüchlichkeiten in den ungenauen Formulierungen der Erwachsenen auszunutzen versucht.vi Wenn das nicht funktioniert, fallen sie in die Wut noch kleinerer Kinder zurück, die nicht einsehen, dass sie das, was sie wollen, gerade nicht bekommen können.

Im Prinzip wissen rechte Menschen, dass es nach 1945 keine Möglichkeit gibt, sich ungebrochen mit „Deutschland“ oder dem „deutschen Volk“ zu identifizieren und aus dieser Identifikation und Idealisierung Selbstwertgefühl zu ziehen. Sie wissen, dass es nicht möglich ist, zur idyllischen Kleinfamilie der Fünziger oder auch der Dreißiger zurückzukehren, die es so, wie sie in Bilderbüchern existiert, in der Realität nie gegeben hat. Sie wissen, dass es nicht möglich ist, in die Zeit zurückzukehren, in der Männer noch richtige Männer und Frauen noch richtige Frauen und pelzige kleine Tierchen von Alpha Centauri noch richtige pelzige kleine Tierchen von Alpha Centauri waren. Sie wissen, dass Weiße nicht besser als andere Menschen sind, nur weil sie Weiße sind. Sie wissen, dass die Deutschen kein Stamm sind, der sich auf die alten Germanen zur Zeit von Tacitus oder Arminius zurückführen lässt, und dass Juden daher auch nicht als „artfremde“ Elemente begriffen werden können. Sie wissen, dass es keinen mystischen, seit alters her existierenden deutschen Volkscharakter oder Volksgeist gibt, der sich irgendwie zu verwirklichen versucht, sondern nur Menschen mit deutscher Staatsangehörigkeit und Menschen mit Wohnsitz in Deutschland, die sich irgendwie einigen müssen, wie sie zusammen leben wollen.

Rechte wissen das alles, wollen das aber nicht wissen. Sie mauern sich in ihrem Denken ein, und sie tun dies freiwillig. Solange sie nicht von selbst beschließen, aus diesem Denken herauszukommen, zum Beispiel weil sie die inneren Widersprüche selbst nicht länger leugnen können, ist es unmöglich, sie dort herauszuholen.

Mit wem man diskutieren kann und mit wem nicht

In guten Argumentieren-gegen-Rechts-Seminaren wird davor gewarnt, mit Menschen zu diskutieren, die bereits ein geschlossenes rechtes Weltbild entwickelt haben, die in rechten Organisationen eingebunden und sogar geschult sind. Wenn man selbst nicht geschult ist, ist es praktisch unmöglich, gegen sie in einer normalen Diskussion anzukommen, und die Hoffnung, sie zum Umdenken zu bewegen, ist erst recht illusorisch.

Keines der genannten persönlichen Erlebnisse stammt jedoch aus einer Diskussion mit organisierten Rechten. Teilweise waren meine Gegenüber sogar Menschen, die sich selbst als links definieren. Meine Erfahrungen widersprechen also der üblichen Behauptung, dass es möglich sei, mit Menschen zu diskutieren, die nur Versatzstücke eines rechten Weltbilds aufweisen: Auch diese Versatzstücke, vor allem die Sehnsucht nach einer deutschen Nation, die als positive Projektionsfläche und als idealisiertes Größenselbst dienen kann, können in aller Regel nicht durch Argumente aufgelöst werden.

Es muss aber Menschen geben, die man durch Argumente erreichen und überzeugen kann – schließlich ist man selbst ebenfalls durch Argumente erreicht und überzeugt worden, wenn man nicht in eine Widerstandsfamilie hineingeboren wurde. Lehrer_innen, Freund_innen, Bücher, Vorträge, gute Zeitungsartikel und Dokumentationen, vielleicht auch eine gute Führung durch eine KZ-Gedenkstätte oder ein ehemaliges Lager haben dazu beigetragen, die von den Eltern übernommene Position zu überdenken und zu hinterfragen.

Für mich persönlich muss ich allerdings sagen, dass es komplizierter war: ich bin nie rechts gewesen, sondern habe mich bereits als Jugendliche als links gesehen, und zwar als Teil der umwelt- und friedensbewegten Linken. Antiamerikanismus (es war die Zeit Ronald Reagans) und auch Antizionismus gehörten dazu. Mehrere Erlebnisse führten dazu, dass ich diese Haltung Schritt für Schritt veränderte: Erlebnisse, die mich teilweise vor den Kopf stießen und beschämten – nur dass ich auf die Beschämung nicht mit Aggression, sondern mit Reflexion reagierte. Den letzten Anlass, mich von diesen Milieus zu trennen, bildeten die Begegnung mit Geschichtsrevisionismus in einer Gruppe, die sich selbst als links definierte. Ich verabschiedete mich also von dieser Szene und lernte, was die Querfront und was verkürzte Kapitalismuskritik ist.

Menschen verändern also ihre Position: ich habe es selbst getan. Allerdings war die Reihenfolge nicht die des rationalen Ideals: ich habe nicht erst gute Argumente gegen diese Art von Linken gehört und mich dann von ihr verabschiedet, sondern ich bin auf Widersprüche innerhalb dieser Szene gestoßen: Geschichtsrevisionismus unter Menschen, die sich selbst als links definieren, ich habe erst einmal an mir selbst, an meiner Wahrnehmung und an meinem Urteilsvermögen gezweifelt und mich dann auf die Suche nach Erklärungen dieses verstörenden Erlebnisses gemacht und gelernt, dass man auch auf andere Weise links sein kann.

Es gibt also die Möglichkeit, dass ein Mensch sich auf eine Weise äußert, die man normalerweise als rechts bezeichnet, dass er oder sie vielleicht Ausdrücke gebraucht, die sonst als Zeichen von Rassismus gelten, weil er oder sie es wirklich nicht besser weiß. Dann sollte man argumentieren und erklären und nicht sich empören und den Kontakt abbrechen.

Wie kann man aber jene Menschen, bei denen sich dies lohnt, von jenen unterscheiden, bei denen jede Erklärung und jedes Argument nur Zeitverschwendung ist, weil sich der Betreffende längst gegen alles immunisiert hat, was seinem Weltbild widerspricht? Mitgliedschaft in rechten Strukturen ist als Kriterium viel zu wenig: Gerade die Sehnsucht nach einem Deutschland, das eine positive Identifizierung erlaubt, ist nicht nur am rechten Rand der Gesellschaft weit verbreitet, und nicht nur am rechten Rand wird auf die (vermeintliche) Bedrohung eines solchen Deutschlandbilds gern mit Aggressivität reagiert. Ich vermute, dass die in meinen Augen optimistische Einschätzung der Anbieter von Argumentieren-gegen-Rechts-Seminaren daher rührt, dass die meisten systematischen Erfahrungen in der Jugendarbeit gemacht wurden und dass sich ihre Tipps auf Jugendliche und junge Erwachsene beziehen. Im Vergleich zu Erwachsenen sind Jugendliche generell weniger gefestigt in ihren politischen Positionen, und die Erwachsenen, die sie zu überzeugen versuchen, sind Sozialarbeiter und haben als solche eine gewisse Autorität. In rechte Organisationen eingebundene Jugendliche anerkennen die Autorität der Sozialarbeiter nicht an – sie haben andere Autoritäten. In der Arbeit mit Erwachsenen – zum Beispiel der mit Senior_innen – würde eine die Unterscheidung zwischen in rechte Organisationen eingebundenen Menschen und nicht in rechte Organisationen eingebundenen Menschen keinen Sinn machen – gerade alte Menschen, aber auch viele Menschen mittleren Alters, haben mittlerweile ein sehr verfestigtes Weltbild und anerkennen Sozialarbeiter_innen nicht als Autoritäten an.

Ohne ein einfaches Kriterium wie Eingebundenheit in rechte Strukturen bleibt nur Möglichkeit, auszuprobieren, ob die andere Person für Argumente offen ist:vii Man versucht zu argumentieren und achtet darauf, wie der andere reagiert: indem er auf die Argumente eingeht, oder indem er Strategien verwendet, die typisch für Menschen mit verfestigtem rechtem Weltbild sind: immer neue, weit hergeholte Argumente anführen, Themen-Hopping, unrealistische Horrorszenarien. In diesem Fall sollte man das Gespräch beenden. Manchmal erkennt man sofort am provokanten, herausfordenden Ton, dass es dem anderen gar nicht um ein Gespräch geht: Dann sollte man gar nicht erst versuchen, den anderen zu überzeugen.

Im anderen Fall argumentiert man, so gut man eben kann: Dann findet ein gewöhnliches Gespräch statt, wie man es aus Alltagssituationen kennt, in welchem man sich gegenseitig zuhört, offen ist für die Argumente des anderen, auch dafür, dass der andere in einzelnen Details Recht haben könnte. In einem solchen Gespräch ist es nicht nötig, perfekt zu sein, denn es geht nicht darum, zu gewinnen oder den anderen sprachlos zu machen, es ist möglich, das Gespräch abzubrechen und zu sagen: „Darüber muss ich noch nachdenken“ oder „Das muss ich noch einmal nachlesen“, ohne als Verlierer dazustehen. Für ein solches Gespräch braucht man keine Anleitung.

Mit Menschen zu diskutieren, deren rechtes Weltbild sich bereits verfestigt hat, ist Zeitverschwendung. Die Zeit, die man gewinnt, indem man solche Gespräche schnell abbricht, kann man nun darauf verwenden, selbst Neues zu lernen: Über Rassismus, über Antisemitismus, über die Geschichte des 20. Jahrhunderts, erstens für sich selbst, zweitens, um in Gesprächen mit Menschen, die bereit sind, sich zu informieren und umzudenken, diese besser unterstützen zu können, und drittens – und dies ist das wichtigste – um Menschen, die direkt Zielscheibe des Hasses der Rechten sind, unterstützen zu können.

iSchon aus diesem Grund ist der Vorschlag der Autoren von Mit Rechten Reden, man solle es mit Argumenten statt mit Empörung versuchen, eine Unverschämtheit: Sowohl im privaten als auch im öffentlichen Bereich wird ständig argumentiert. Was untersucht werden muss, ist, warum Argumente so selten wirken.

iiMöglicherweise gilt dies auch für die Wahrheit des Holocaust gilt: erstens dass er stattgefunden hat, zweitens dass er ein furchtbares Verbrechen war und drittens dass die meisten Deutschen zumindest über Teile des Verbrechens Bescheid wussten (über die Frage der Singularität möchte ich an dieser Stelle nicht diskutieren.) Die sogenannte erste Generation, also jene Menschen, die die NS-Zeit als Erwachsene erlebt und sich mehr oder weniger (in manchen Fällen auch gar nicht) schuldig gemacht haben, hat verschiedene Wege gefunden, sich dieser Wahrheit nicht zu stellen – Alexander und Margarete Mitscherlich nehmen an, dass sie auf diese Weise der Depression aus dem Weg gingen, die die unausweichliche Folge einer Einsicht in diese Wahrheit gewesen wäre. Die jüngeren Generationen werden in zunehmendem Maße von akademischen Lehrer_innen oder auch Lehrer_innen an Schulen mit der unangenehmen Wahrheit vertraut gemacht, und da sie sich nicht persönlich schuldig gemacht haben, fällt es ihnen leichter, sich der Wahrheit zu stellen – häufig, indem sie die Beteiligung der eigenen Eltern, Großeltern oder mittlerweile Urgroßeltern herunterspielen. Wenn die Identifizierung mit den eigenen realen Vorfahren oder auch den imaginierten deutschen Vorfahren, dem deutschen Volk als Abstammungsgemeinschaft, sehr stark ist, fällt die Einsicht in die Wahrheit schwer. Einzusehen, dass man jahrelang einer falschen Überzeugung angehangen ist, bedeutet immer eine Kränkung, einzusehen, dass man sich schwer schuldig gemacht hat, eine weit schwerere Kränkung – beides sind Gründe, warum Argumente häufig nicht wirken.

iiiDahinter steckt der klassisch antiaufklärerische Denken, dass sich Kulturen scharf voneinander trennen lassen und dass eine Verständigung und vor allem das Treffen von Urteilen über Kulturgrenzen hinweg unmöglich ist, weil jede Kultur nach ihren eigenen, unhinterfragbaren Maßstäben urteilt. Linkem Denken wird dadurch der universalistische Anspruch aberkannt.

ivAn diesem Punkt zeigt sich, wie gefährlich der „Ratschlag“ aus „mit Rechten reden“ ist, man solle die Möglichkeit bedenken, dass der andere Recht haben könne. In einer realen Auseinandersetzung schwächt man dadurch die eigene Position auf unnötige Weise. Besser ist es, sich von Details nicht beeindrucken zu lassen und sich an die zentralen Tatsachen zu halten: Dass Deutschland für den Zweiten Weltkrieg und für die zahlreichen Verbrechen des NS verantwortlich sind.

vWenn man zu behutsam vorgeht, stößt man auf ein anderes Verhalten der Rechten: Vorwürfe von sich abgleiten lassen. Dass zwischen „so behutsam, dass die Person alles von sich abgleiten lassen kann“ und „schwere Beleidigung“ kein Blatt passt, lernte ich zum ersten Mal, als ich vor mittlerweile fünfzehn Jahren in einem Seminar für kreatives Schreiben, an welchem ich teilnahm, auf eine Frau stieß, die von ihrem Großvater erzählt, dass er SS-Mann und Kommandant eines Lagers für Zwangsarbeiterinnen, aber ein guter Mensch gewesen sei: „Er hat Hebamme gespielt für die schwangeren Arbeiterinnen, und nach dem Ende des Lagers, als manche schon Papiere für die Heimreise hatten und andere nicht, haben sie sich gegenseitig umgebracht, um an die Papiere zu kommen.“ Mittlerweile würde ich sagen: klassische Täter-Opfer-Umkehr, ich würde von der Seminarleiterin verlangen, dass sie in Zukunft sagt: „Solche Geschichten haben hier keinen Platz“ und ansonsten das Seminar verlassen – mit sofortiger Meldung an den Träger. Damals habe ich noch gemeint, ich könnte diejenige sein, die durch vorsichtiges Nachfragen die SS-Enkelin zur Einsicht führt, dass an der Geschichte etwas faul sein muss, und griff auf alles zurück, was ich in meinen pädagogischen Ausbildungen gelernt hatte: „Ich wollte dich noch einmal auf diese Geschichte ansprechen“, sagte ich, „sie hat mich noch die ganze Woche beschäftigt.“ „Ach ja, das tut mir ja leid.“ „Es fällt mir nämlich schwer, diese Geschichte zu glauben.“ „Du musst sie ja nicht glauben, sie stimmt aber.“ „So einfach nicht – das Verschleppen von Zivilpersonen zur Zwangsarbeit gilt nämlich als Kriegsverbrechen, und dein Großvater war daran beteiligt.“ „Also so eine bist du! Verschwinde!“ Als freundlicher Mensch lernt man, Beleidigungen und rüden Tonfall zu vermeiden, aber manche Aussagen sind selbst ein schwerer Angriff, und keine noch so weiche Verpackung kann dies ändern.

viVorbild wäre das Sams – allerdings übt das Sams Kritik an einer Rede, die sich darauf verlässt, dass die Menschen wissen, was gemeint ist, und dieses Wissen manipulativ einsetzt, etwa wenn die Werbung sagt: „Unser Käse ist im Angebot – nehmen Sie einen mit!“ Rechte setzen die Tatsache, dass Menschen wissen, was gemeint ist, auf manipulative Weise ein, etwa wenn Höcke vom „Denkmal der Schande“ spricht oder wenn Gauland behauptet, die Menschen möchten Jerome Boateng nicht als Nachbarn haben, und beide sich bei Kritik auf den Wortsinn zurückziehen.

viiSelbstverständlich gilt dies nur für Menschen, die nicht in rechte Strukturen eingebunden sind und bei denen nicht klar ist, wie verfestigt ihr Rassismus, Antisemitismus, ihre Homophobie, ihr Sexismus oder ihr Geschichtsrevisionismus ist. Bei Menschen, die in rechte Strukturen eingebunden sind, muss man nichts ausprobieren.

2 Kommentare

  1. Muriel

    Ach naja. Ich find’s noch ein bisschen komplizierter, als es hier steht, hab das aber jedenfalls mit Interesse gelesen, danke!

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  2. onkelmaike

    Ich finde der Kommentar des Vorredners wäre sinnvoll, wenn er sich herabließe, zu begründen, wo die Komplikationen liegen, die er anspricht. So erschließt sich mir der Sinn nicht recht.

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