Nicht Daniel-Pascal Zorn, sondern Per Leo vom „Mit-Rechten-Reden“-Autorentrio hat sich zur Buchmesse gemeldet: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/cool-down

Die erste Hälfte des Textes enthält, was wir längst kennen: Man solle die Rechten nicht von der Buchmesse ausschließen, auch nicht gegen sie protestieren, sondern mit ihnen reden. Nicht mit ihnen zu reden, würde sie stark machen.

Anschließend werden die Folgen eines solchen Gesprächs beschrieben: Man würde zum Beispiel merken, dass Götz Kubitschek im persönlichen Gespräch längst nicht so überlegen souverän ist, wie er sich sonst zu geben versucht, aber auch, dass er Humor besitzt.

Aber wen interessiert, ob Kubitschek schwäbischen Humor besitzt oder nicht? Was interessiert, sind seine Gedanken – und die müssen tatsächlich gelesen und anschließend analysiert werden, am besten mit Unterstützung von Leuten, die vom Fach sind und Codes und Halbwahrheiten und offensichtliche Lügen und vor allem die Gedankengebäude – also das Gedankengebäude, das abgekürzt als völkisches Denken bezeichnet wird – entschlüsseln und verstehen helfen können, so dass man aus dem eigenen rechten Denken, das viele von uns ererbt haben (mich selbst eingeschlossen) herausfindet und nicht weiter darin bestätigt wird. Wer schon aus diesem Denken herausgefunden hat, wird diese Unterstützung nicht brauchen; er oder sie wird die Texte der Rechten lesen und lachen und denken: Was ist das für ein Schwachsinn? Warum nimmt das irgend jemand ernst? (So geht es mir mittlerweile mit Carl Schmitts „Begriff des Politischen“.) Ich bin aber nicht von selbst an diesen Punkt gekommen, und so empfehle ich einmal wieder Samuel Salzborns Bücher.

Vom versteckten Lob Götz Kubitscheks geht es zur Parteinahme für Sieferles „Finis Germania“: „Erst als Rolf-Peter Sieferles Finis Germania auf der Basis von Gerüchten skandalisiert und so auf Platz 1 bei Amazon katapultiert worden war, hatte die Kritik sich ja auf eine gründliche Lektüre eingelassen. Die Bilanz: neben vielen bitteren und dunklen, darunter einigen durchaus anregenden, genau ein tatsächlich skandalöser Gedanke.“

Ja, warum soll sich ein Feuilleton mit einem schlechten Buch befassen, das vermutlich nur wenige lesen werden? Erst nachdem es durch einen Trick auf die Sachbuchbestenliste des Norddeutschen Rundfunks gebracht worden war (nicht nachdem es auf der Basis von Gerüchten skandalisiert worden war), wurde es ausführlich rezensiert. Die Rezensionen sprechen nicht von anregenden Gedanken, sondern von Antisemitismus in Form einer Täter-Opfer-Umkehr beim Thema Holocaust: Nicht die Juden, sondern die Deutschen seien die wahren Leidtragenden des Holocaust: Sie litten unter Erbsünde, ewiger Verworfenheit und dem Mythos (nicht dem historischen Verbrechen) Holocaust. Ein solcher Gedanke ist nicht skandalös, sondern sachlich falsch, um nicht zu sagen unsinnig, und eine Beleidigung der Opfer und ihrer Nachfahren.

(Hier ein paar Links zu verschiedenen Rezensionen:

http://www.deutschlandfunkkultur.de/rolf-peter-sieferle-finis-germania-intellektueller-anstrich.1270.de.html?dram:article_id=388942

http://www.deutschlandfunkkultur.de/sz-literaturkritiker-gustav-seibt-ueber-finis-germania-ein.1008.de.html?dram:article_id=388580

http://www.zeit.de/2017/26/finis-germania-rolf-peter-sieferle-rechtsextremismus

https://www.vice.com/de/article/7x9gnx/wir-haben-das-skandalbuch-finis-germania-gelesen-damit-ihr-es-nicht-musst

Es geht weiter mit der Rehabilitierung rechter Denker und Denkerinnen: „Man könnte etwa feststellen, dass ernstzunehmende Rechtsintellektuelle wie Karl-Heinz Weißmann im aktuellen Programm nicht mehr vertreten sind, dafür aber internationale Superstars wie die Rechtsfeministin Camille Paglia.“

„Ernstzunehmender Rechtsintellektueller“ ist eigentlich ein Oxymoron (ein schwarzer Schimmel), „Rechtsfeministin“ auch. Camille Paglia ist Antifeministin, Karl-Heiz Weißmann Herausgeber der Jungen Freiheit.

Ganz am Ende werden noch die beiden Großstars der „Konservativen Revolution gerühmt: die „visionäre Klarheit Ernst Jüngers“ und die „Skalpellschnitte Schmittscher Unterscheidungen“. Ich kann weder das eine noch das andere Lob nachvollziehen.

Begründungen, warum Kubitschek, Weißmann, Paglia, Schmitt oder Jünger so toll sein sollen, bleibt Per Leo uns schuldig. (Und ich verzichte hier auf eine ausführliche Begründung, was an ihnen schlecht ist.) Weder die bitteren, dunklen, anregenden noch der skandalöse Gedanke Sieferles werden ausdrücklich genannt, so dass sich die Leser und Leserinnen ein Urteil bilden könnten. Es geht nur um Stimmungmache gegen die protestierenden Linken – und es geht um versteckte Werbung für die Rechten, vor allem die Altstars Schmitt und Jünger, die doch einige kluge Gedanken geäußert hätten.

Und dies ist nun das eigentlich Problem: Da sind Leute, die sich nicht rechts und nicht links nennen – vielleicht wäre konservativ die genaueste politische Einordnung – und machen Werbung für rechte Autoren. Dass es schon in der Weimarer Republik einen fließenden Übergang zwischen konservativem und rechtem Denken gab, der dazu führte, dass viele Konservative nach 1933 der NSDAP beitraten und bereitwillit mitarbeiteten, wird verschwiegen. Dass nicht nur Rechte, sondern auch Konservative die junge Weimarer Republik bekämpften, wird verschwiegen. Dass es eine Kontinuität im antidemokratischen Denken gibt, wird verschwiegen: Wir sind schließlich nicht rechts.

Es gibt schon viele Antworten auf Per Leo, die sich darüber empören, dass schon wieder zum Dialog mit Rechten aufgerufen wird. Der eigentliche Skandal geht dabei unter: Dass das Mit-Rechten-Reden-Trio die Ideen der Rechten eigentlich ganz cool findet und deswegen, nicht um die Rechten zu entlarven, mit ihnen reden will.

Trackbacks/Pingbacks

  1. ruff linkage 201811 – Pieceoplastic - […] Mit Konservativen Reden – “Nicht Daniel-Pascal Zorn, sondern Per Leo vom „Mit-Rechten-Reden“-Autorentrio hat sich zur Buchmesse gemeldet: https://www.freitag.de/autoren/der-freitag/cool-down”. This…

Kommentar verfassen

%d Bloggern gefällt das: