Ende des Jahres 2014 tauchten in Rom diverse Aufkleber und Plakate mit kryptischen Sprüchen, einer Taube und dem Hashtag »#semiDio«, also »Halbgott« auf. Wildes Plakatieren und Kleben ist in einer Stadt wie Rom nichts Ungewöhnliches. Und so wurde das Hashtag auf Twitter kaum genutzt. Auch die parallel veröffentlichten Youtube-Videos, auf denen junge Männer beim Kleben der Werbematerialien zu sehen sind, wurden nur wenige hundert Mal angesehen.

Magazin der rechte rand Ausgabe 169
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Pivert – (französisch) der Specht
© Screenshot #derrechterand

Nähe zu »CasaPound«
Das gleiche Guerilla-Marketing, das einige Jahre zuvor bei der römischen RechtsRockband »Zetazeroalfa« noch eingeschlagen hatte, erwies sich nun als kapitaler Bock. Und so musste die Bekleidungsmarke »Pivert« (franz. Specht) für die Eigenwerbung auf andere Kanäle zurückgreifen, als sie Anfang 2015 auf den Markt kam. Die Websites, Blogs und Social Media-Seiten der faschistischen »CasaPound« reichten dafür gerne die Hand, denn der Besitzer der Marke kommt aus ihrer ersten Reihe.
Francesco Polacchi hält 70 Prozent der Anteile an der Marke »Pivert«. Weitere 30 Prozent hält die »Minerva Holding«, an der Polacchi ebenfalls zu 25 Prozent beteiligt ist. Bei »CasaPound« war er jahrelang der Hauptverantwortliche der landesweit operierenden Jugendorganisation »Blocco Studentesco«. Zudem hat er sich als rechter Schläger ein beträchtliches Vorstrafenregister erarbeitet.

Versuchter Mord
Im August 2007 wurde er auf Sardinien verhaftet, nachdem er vor einer Disco drei Jugendliche mit einem Messer verletzt hatte. Es folgte eine Anklage wegen versuchten Mordes, eine Verurteilung ist nicht bekannt. Am 29. Oktober 2008 führte Polacchi die Gruppe bewaffneter Faschisten an, die auf der Piazza Navona eine linke SchülerInnendemonstration gegen die Bildungsreform Gelmini angriff. Er koordinierte nicht nur die Attacke und war in vorderster Front an ihr beteiligt, sondern stand parallel auch im Austausch mit den anwesenden Polizeikräften. Diese griffen erst ein, nachdem ein Universitätskollektiv den SchülerInnen zur Hilfe kam und die rechten Schläger in die Defensive drängte. Fünf Tage später tauchte er mit seinen Kameraden von »CasaPound« im Studio des Fernsehsenders »RAI« auf, um die Moderatorin Federica Sciarelli und die Redaktion von »Chi l’ha visto?« (»Wer hat es gesehen?«) zu bedrohen. Anlass war ein Bericht über den Angriff auf die SchülerInnendemonstration, in dem dargelegt wurde, dass die Gewalt von den Faschisten ausging und welche Rolle Francesco Polacchi dabei spielte.
Am 13. April 2010 überfielen Polacchi und seine mit Knüppeln und Helmen ausgerüstete Bande in Roma Tre eine Gruppe von Linken, die Plakate für das Recht auf Wohnen klebten. Sie überschätzten sich jedoch, so dass neun Faschisten die Nacht im Krankenhaus beenden mussten. Und am 14. Dezember 2013 führte er gemeinsam mit dem »CasaPound«-­Vize-Chef Simone di Stefano eine Gruppe von 20 maskierten Faschisten an, um eine Aktion am Sitz der Europäischen Union in Rom durchzuführen. Höchstwahrscheinlich war das juristische Nachspiel dieser Episoden der Hauptgrund, warum sich Polacchi als einer der wichtigsten Repräsentanten von »CasaPound« zurückgezogen hat. Mittlerweile wird ihm sein stetig wachsendes Geschäft aber auch keine Zeit mehr dafür lassen.

International im Angebot
Seit Polacchi Anfang 2015 mit »Pivert« an die Öffentlichkeit ging, hat er nicht nur einen Online-Shop und das Büro mit angeschlossenem Lager in Cernusco sul Naviglio eröffnet, sondern auch eigene Verkaufsstellen in Brescia, Turin, Rom und zuletzt am 14. Oktober in Mailand eingerichtet. Seine Ware wird darüber hinaus in diversen Bekleidungsgeschäften verkauft, deren Betreiber eine Vergangenheit in der Neonazi-Szene haben. So findet sich »Pivert« im »Intercity Firm« des ehemaligen »Forza Nuova«-Aktivisten Gianluca Locicero in Padua oder im Geschäft des ehemaligen »Dansk Front«-Mitglieds André Vincent im dänischen Rødovre. Im Ausland wird »Pivert« auch über »CasaPound«-Schwesterstrukturen wie »Hogar Social« in Madrid und »Bastion Social« im französischen Lyon vertrieben.

In der Szene
Doch Polacchi wirbt auch gezielt auf Web-Seiten und Social-Media-Kanälen, die beliebt in der europäischen Hooligan- und Ultraszene sind. In den sogenannten Football-Casuals sieht er offenbar seine Hauptzielgruppe. Diese in den letzten Jahren wieder beliebter werdende Kurvenkultur stammt aus der britischen Fussballszene der 1980er Jahre. Um bei Auswärtsfahrten nicht sofort in das Raster der lokalen Polizeikräfte zu geraten, legten einige Hooligans das damals für sie typische Skinhead-Outfit sowie Fanschals ab und besorgten sich Designerkleidung. So war es weiterhin möglich, sich gegnerischen Fangruppen unerkannt zu nähern und diese in Auseinandersetzungen zu verwickeln. Heute fallen selbsternannte Football-Casuals vor allem durch die Zurschaustellung von Jacken und Pullovern des italienischen Designers Massimo Osti auf, nicht selten in Kombination mit handelsüblichen Jogginghosen. Die ursprüngliche Idee der Casuals wird durch dieses uniforme Auftreten natürlich ad absurdum geführt und auf die Bereitschaft reduziert, grosse Summen für italienische Designermarken auszugeben. Auf dieses Geld zielt nun auch »Pivert« mit ihrer gebetsmühlenartig wiederholten »Made in Italy«-Philosophie.

In faschistischer Tradition
Problematisch ist der relative Erfolg von Polacchis Marke aber vor allem deshalb, weil sie die Übernahmeversuche vieler Kurven durch rechte Kräfte auf einer kulturellen Ebene flankiert. Zwar kommt das Design von »Pivert« ganz ohne rechte Slogans und Symbole aus, allerdings tauchen in der Werbung des Unternehmens immer wieder Hinweise auf ihren ideologischen Subtext auf. So wurde im ersten offiziellen Werbevideo ein halbes Dutzend Mal der »Palazzo della Civiltà Italiana« eingeblendet, den Benito Mussolini als Symbol für den italienischen Faschismus errichten ließ. Und auch bei den für »Pivert« arbeitenden Fotomodellen sind immer wieder faschistische Tattoos zu erkennen.

Der Beitrag »Pivert«: Keine Halbgötter, nur Spechte erschien zuerst auf der rechte rand.

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