Kirche und Kreml sind in Russland enge Verbündete, um russische Werte zu verteidigen: gegen die Gleichstellung von Homosexuellen, gegen die Trennung von Kirche und Staat, gegen den »Individualismus der westlichen Kultur«.

Zar Nikolaj II. gilt als Antisemit und Autokrat »zum Wohle des Volkes« und hatte sich von Gottes Gnaden selbst gekrönt. Vor 99 Jahren wurde er mit seiner gesamten Familie durch die Bolschewiki ermordet. Nachwirkungen der Februarrevolution, die ihn bereits zum Abdanken zwangen, und nicht zuletzt der Oktoberrevolution, deren 100. Jubiläum in Russland kein Grund für Feiern und Paraden ist. Die Zeichen stehen in Russland auf politischen Konservatismus, Umstürze sind derzeit nichts, woran gerne erinnert wird.

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orthodoxe Kirche Basilius-Kathedrale in Moskau
© Lara Schultz

Als Märtyrer wurde Nikolaj II. im Jahr 2000 von der Russisch-Orthodoxen Kirche heiliggesprochen. Dass er eine voreheliche Liaison hatte, ist, obwohl gut belegt, unvorstellbar im Weltbild von Religiösen, NationalistInnen und MonarchistInnen. Um diese Affäre mit der Primaballerina Matil’da Kšesinskaja, die einer polnischen Familie entstammte und durch Heirat spätere russische Prinzessin wurde, geht es in dem aktuellen Kinofilm »Matil‘da« (deutscher Titel: »Mathilde«) des russischen Regisseurs Aleksej U?itel‘. Das 25 Millionen Dollar teure pompöse Kostümspektakel mit Palästen, Perücken, Dampflokomotiven, viel Tanz und ohne besonderen Tiefgang, beinhaltet eine Bettszene. In dieser hat der Thronerbe Sex mit der polnischen Ballerina, die zu Beginn des Filmes gar barbusig tanzt. Es war die Duma-Abgeordnete Natal’ja Poklonskaja, die noch vor dem Kinostart eine Kampagne gegen den Film startete. Der Film taste die Menschenwürde eines bedeutenden Teils der orthodoxen Christen an, indem ein falsches Bild des Souveräns vermittelt würde.

Duma-Abgeordnete und Kampftrupp
Poklonskaja hatte zu diesem Zeitpunkt bereits Internet-Berühmtheit erlangt: Im März 2014 wurde sie auf die neugeschaffene Position der Generalstaatsanwältin der Krim berufen. Eine Pressekonferenz verschaffte ihr internationale Öffentlichkeit, in Japan diente sie in der Folge als Vorlage für Zeichnungen von ihr im Manga-Stil. Als Abgeordnete für »Edinaja Rossija« (»Einiges Russland«) hat sie aus ihrer Zarenverehrung nie einen Hehl gemacht. Der Film, so die Abgeordnete der nationalkonservativen Partei, die Ende 2016 mit der österreichischen »Freiheitlichen Partei Österreichs« (FPÖ) einen Kooperationsvertrag unterzeichnet hat, sei eine »Beleidigung religiöser Gefühle von Gläubigen«. Dies ist in Russland seit Juni 2013 ein Straftatbestand. Das Gesetz wurde nach dem Auftritt der Punkband »Pussy Riot« in der Moskauer Christi-Erlöser-Kathedrale erlassen, in dessen Folge die Frauen von »Pussy Riot« aufgrund eines fehlenden Paragraphen mit der abenteuerlichen Konstruktion »Rowdytum aus religiösem Hass« verurteilt worden waren.
Gleichzeitig mit der »Beleidigung der russisch-orthodoxen Kirche«, die selbst in den letzten Jahren gemeinsam mit der russischen extremen Rechten Hass gegenüber Homosexuellen (dann häufig »Sodomiten« oder »Pädophile« genannt) geschürt hat, wurde auch die »Propaganda nicht traditioneller sexueller Verhältnisse unter Minderjährigen« unter Strafe gestellt. Was das bedeutet, ist klar: Für Jugendliche soll es keine Möglichkeit geben, sich dem heteronormativen Mainstream zu entziehen. Auch hier war eine Frau Hauptakteurin – die Duma-Abgeordnete Elena Mizulina. Mizulina war eine der Rednerinnen bei Jürgen Elsässers Veranstaltung »Für die Zukunft der Familie« im November 2013 in Schkeuditz. Dort konnte sie ihre homophoben und antifeministischen Vorstöße, für die sie sich stets auf die Unterstützung der orthodoxen Kirche verlassen kann, kundtun. Über die Jahre hat sie Gesetzesentwürfe eingebracht, darunter eine obligatorische schriftliche Einverständniserklärung durch den Ehemann bei Abtreibungen, das Verbot von Babyklappen, das Verbot des Zigarettenverkaufs an junge Frauen, die noch kein Kind bekommen haben, und das Festschreiben des orthodoxen Christentums in der Verfassung als Grundlage der Eigenständigkeit Russlands. Die meisten dieser Vorstöße gelangten allein aufgrund des Widerstands durch gesellschaftliche Organisationen und feministische Initiativen sowie breitangelegter Kampagnen in den Medien nicht zu einer Erörterung in der Staatsduma. Dabei spiegeln die Positionen Mizulinas die offizielle Ausrichtung des Staates auf Bevölkerungspolitik und eine traditionelle Familienpolitik wider. Mitte 2016 lieferte sie dann einen Vorstoß zur »Entkriminalisierung« von häuslicher Gewalt. In diesem bezeichnete sie die derzeitige Gesetzgebung als »absurd« und forderte, das Gesetz zu ändern, so dass nunmehr für häusliche Gewalt keine Gefängnisstrafe mehr drohen solle. Frauen- und MenschenrechtsaktivistInnen reagierten empört und kritisierten die ohnehin sehr lasche Gesetzgebung und die schwache Auslegung des Rechts. Der Protest war nicht von Erfolg gekrönt: Anfang 2017 wurde der Entwurf vom Abgeordnetenhaus in zweiter Lesung gebilligt. Wenn Mizulina Maßnahmen zur »Verbesserung der demographischen Situation« initiiert oder unterstützt, liegen diesen ultrakonservative und patriarchale Geschlechterbilder zugrunde. Der Frau wird in völkischer Tradition die Rolle der »Hüterin des Volkes« zugewiesen.

»Matil’da« konnte im Herbst dieses Jahres in den russischen Kinos starten, wurde allerdings nicht beworben, um »Radikale nicht zu provozieren«. Die Premiere in Sankt Petersburg fand unter erhöhtem Polizeischutz statt und ohne den Hauptdarsteller Lars Eidinger, der sich Bedrohungen ausgesetzt sah. Tatsächlich kam es russlandweit zu Brandanschlägen auf Kinos und Autos, in vielen Kinos wurde der Film gar nicht erst ins Programm aufgenommen. Noch einmal: Die Darstellung einer historisch verbrieften vorehelichen Liebesbeziehung in prunkvollen Bildern wird nicht nur nahezu als Gotteslästerung angesehen, sie führt auch zu Bedrohungen für Leib und Leben der Beteiligten. In der Uralmetropole Jekaterinburg steuerte ein sich selbst so nennender »orthodoxer Aktivist« ein mit Sprengstoff beladenes Fahrzeug in ein Kino, Menschen kamen dabei nur durch Glück nicht zu Schaden. Mit Anschlägen und Gewalt soll so die »christliche Identität Russlands« verteidigt werden. Dies geschieht auch offiziell mit dem Segen des Patriarchen von Moskau, dem Oberhaupt der Russisch-Orthodoxen Kirche: Der orthodoxe Kampftrupp »Sorok Sorokov« (»Vierzig mal Vierzig«, nach den legendären 1.600 Kirchen in Moskau, die es aber nie gab), dem unter anderem Profiboxer, MMA-Kämpfer und Gewichtheber angehören, leistet beispielsweise Ordnerdienste bei kirchlichen Großveranstaltungen. »Sorok Sorokov« wiederum unterhält gute Beziehungen zum »Suworow-Institut der Gesellschaft zur Förderung des Österreichisch-Russischen Dialogs«, deren Pressesprecher Alexander Markovics ist, der die »Identitäre Bewegung Österreichs« mit gegründet hat. »Die Einrichtung [das Suworow-Institut, LS] verfolgt eine nationalistische, antiliberale und antiwestliche Agenda und trifft sich mit der hiesigen [österreichischen, LS] extremen Rechten«, so zitiert die österreichische Tageszeitung »Der Standard« den Forscher Bernhard Weidinger vom »Dokumentationsarchiv des österreichischen Widerstandes« (DÖW).

Clubs und Think-Tanks
Aber bei weitem nicht nur Frauen wie Poklonskaja und Mizulina verfolgen einen ultrakonservativen Kurs. Auch Bischof Tichon warnte vor Verletzung von religiösen Gefühlen durch den Film »Matil’da«. Als Bischof und Vikar des Patriarchen von Moskau wird er oft als persönlicher Beichtvater des russischen Präsidenten Vladimir Putin bezeichnet. Das kommt nicht von ungefähr: Tichon ist Mitglied des »Präsidentiellen Rates für Kunst und Kultur«. Außerdem ist er Mitglied des ultrarechten Think-Tanks »Izborsker Club«, der zweite Bischof im Club neben Bischof Avgustin. Der 2012 in Izborsk gegründete Club ist die direkte Nachfolgeorganisation des »Instituts für Dynamischen Konservatismus«, das 2005 in seinem Gründungsdokument, der »russischen Doktrin«, die russische Nation in den Mittelpunkt stellte und eine notwendige Verbindung von Demokratie und Autokratie konstatierte: »Der zeitgenössische Westen ist eine Gemeinschaft von Individuen, die einander an nichts hindern, die aber versuchen, anderen Nationen ihren Stil aufzuzwingen. Russland dagegen ist ein Land, in dem ein neues ethisches System entsteht: Der Hass auf das Böse, die Verteidigung von Idealen. Das Ideal besteht darin, gemeinsam dem Bösen, der Barbarei, den Plünderern zu widerstehen.« Einige Jahre später trafen sich erneut, diesmal in Izborsk, konservative PolitikerInnen, WissenschaftlerInnen, PublizistInnen und Geistliche, um den »Izborsker Club« ins Leben zu rufen. Einer der Mitbegründer und Wortführer des Clubs ist der Neofaschist Aleksandr Dugin, auch Gründer der nationalistischen »Eurasischen Bewegung«. In Dugins »Vierter politischen Theorie« finden sich Einflüsse der »Neuen Rechten«, der »Konservativen Revolution« sowie des esoterisch-metaphysischen Denkens von Julius Evola. Der Deutschlandfunk zitiert Dugin im Juni 2014 folgendermaßen: »Was bedeuten Freiheit und Demokratie in den Debatten im Westen, in Europa? Wenn ein linker Liberaler mit einem rechten Liberalen streitet. Sobald jemand nicht liberal ist, gilt er als Faschist, Kommunist und wird abgeholt. Er wird nicht nur von Debatten ausgeschlossen, er gilt nicht mal als Mensch. In Europa gibt es diverse Gesetze gegen Links- und Rechtsextremismus und gegen politische Unkorrektheit. Wenn ein Kind seine Mama ‹Mama› nennt, droht ihm eine Jugendstrafe, denn es heißt: ‹einer meiner Eltern›. Mama gilt als Sexismus. Es gibt harte Gesetze, die die Normen der politischen Korrektheit festlegen – so wie sie die Liberalen verstehen.«
Der tatsächliche Einfluss Dugins ist umstritten – der Einfluss der Kirche hingegen ist es nicht. Das soziologische Institut »Levada-Zentrum« fragt regelmäßig nach dem Vertrauen in Organisationen und Einrichtungen. 2017 sprachen 94 Prozent der Befragten dem russischen Präsidenten hohes oder sehr hohes Vertrauen aus, der Kirche immerhin 72 Prozent – mehr als der Duma, der Polizei oder diversen NGOs.

Der Beitrag #Russland – Kirche zwischen Ultrakonservativen und extrem Rechten erschien zuerst auf der rechte rand.

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