Michael Klonovsky, ein Möchtegern-Feingeist vom rechten Rand, stellt seinem Blog das Motto bei: „Die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel manifestiert sich in keiner Eigenschaft deutlicher als in der Unfähigkeit, die literarische Qualität eines Textes zu würdigen, dessen inhaltliche Tendenz einem zuwider ist.“ Wenn das stimmt, dann hat sich die AfD mit ihrem absurden Bundestags-Auftritt in Sachen Deniz Yücel selbst die Zugehörigkeit zum intellektuellen Pöbel bescheinigt. Klonovsky mit seinen Kommentaren zum Fall auch.

Anlass für die von der AfD beantragte Bundestagsaussprache war ein Text von Deniz Yücel. Für die AfD stellt dieser Text eine Verherrlichung des „Volkstods“ dar. Der Obmann der AfD-Bundestagsfraktion im Innenausschuss, Gottfried Curio, forderte die Bundesregierung auf, sich nach der Freilassung von Yücel aus türkischer Haft von diesem Text zu distanzieren: „Zu vermeiden ist der mögliche Eindruck, dass mit seiner ganz außerordentlichen Vorzugsbehandlung eine stille Billigung seiner wohlbekannten deutschlandfeindlichen Äußerungen einhergeht. Geboten scheint deshalb, dass die Bundesregierung eine Missbilligung dieser Äußerungen ausspricht.“

Nun, abgesehen davon, dass die AfD keineswegs daran interessiert ist, den „möglichen Eindruck zu vermeiden“, die Bundesregierung sei „deutschlandfeindlich“; diesen „Eindruck“ vielmehr nach Kräften bei jeder Gelegenheit fördert und mit diesem Antrag natürlich weiter fördern wollte; abgesehen also von dieser plumpen Heuchelei, die Klonovsky auf seinem Blog als „für Bundestagsverhältnisse ungewöhnlich subtilen Antrag“ bejubelte: ist dieser Text wirklich „deutschlandfeindlich“?

Klonovsky lobt den Klonovsky-Klon. Oder meine ich Clown?

Für ungehobelte Gemüter wie Klonovsky, Curio und Konsorten gewiss. Klonovsky hatte vor einem Jahr in der „Jungen Freiheit“ (einer Zeitschrift, die eher für ältere Gegner der Freiheit gemacht wird, aber lassen wir das) die Richtung des jetzigen „ungewöhnlich subtilen Antrags“ vorgegeben. Einerseits stellte Klonovsky klar, dass „die Proteste deutscher Offizieller gegen Yücels Inhaftierung auch dann vollkommen angebracht (wären), wenn er keinen deutschen Pass besäße“ und dass „unsere Guten mit ihrer Solidarität für Yücel richtigliegen.“  (So viel also zur von der AfD-Fraktion behaupteten „außerordentlichen Vorzugsbehandlung“).

Andererseits bezeichnete der Feingeist Klonovsky den Gefangenen als „Ehrenmitglied der AKP“, „unappetitlichen Zeitgenossen“, „Deutschlandhasser“ und „Pissdeutschen“, seine Artikel als „Exkremente“. (Obwohl Klonovsky ausweislich seines Nachnamens anscheinend slawischer Abstammung ist, hat er die urgermanische Analfixierung – und die urgermanische Fixierung auf die männlichen Genitalien anderer Rassen – offenbar internalisiert. Integration von ihrer schönsten Seite.)

Seine Abneigung begründete der Feingeist unter Rekurs auf eben jenen Text aus der „taz“ (und mit eben jenen Stellen, auf die Curio und die AfD rekurrierten):

„Endlich! Super! Wunderbar! Was im vergangenen Jahr noch als Gerücht die Runde machte, ist nun wissenschaftlich (so mit Zahlen und Daten) und amtlich (so mit Stempel und Siegel) erwiesen: Deutschland schafft sich ab!“ – „Woran Sir Arthur Harris, Henry Morgenthau und Ilja Ehrenburg gescheitert sind, (…) übernehmen die Deutschen nun also selbst.“ – „Der baldige Abgang der Deutschen ist Völkersterben von seiner schönsten Seite.“ – „Nun, da das Ende Deutschlands ausgemachte Sache ist, stellt sich die Frage, was mit dem Raum ohne Volk anzufangen ist, der bald in der Mitte Europas entstehen wird: Zwischen Polen und Frankreich aufteilen? (…) Palästinensern, Tuvaluern, Kabylen und anderen Bedürftigen schenken? (…) Egal. Etwas Besseres als Deutschland findet sich allemal.“

Immerhin weiß Klonovsky, anders als Curio mit seinem „ungewöhnlich subtilen“, weil teilweise von Klonovsky abgeschriebenen Antrag: „Das klingt wie Volksverhetzung, ist aber keine, sondern Satire.“

Eben, Herr Professor Curio.

Gegen wen richtet sich Yücels Satire?

Klingt die Satire aber wirklich „wie Volksverhetzung“? Nun ja, so wie eine gute Satire immer auch ein bisschen nach dem klingt, was sie satirisiert, klar. Klingt Charlie Chaplin in „Der Große Diktator“ wie Adolf Hitler? Ein bisschen schon. Das hat die Satire so an sich. Denn man muss, wenn man schon konstatiert, dass es sich hier um Satire handelt, ja auch fragen, was wird hier satirisch aufgespießt?

Wenn man sich nicht, wie Klonovsky und der „ungewöhnlich subtile“ Curio, pennälerhaft an „Stellen“ – „Da steht ‚ficken‘“! „Boah ey! Und hier ‚Möse‘! Hihi! Die Sau! – aufgeilt, wird man dem ganzen Text vielleicht gerecht.

Yücel greift hier eine Meldung auf, die vordergründig Thilo Sarrazin – den er 2011 aufs Gröbste und Dümmste beleidigt hatte, nämlich nicht wegen seines Rassismus, seiner gefälschten Statistiken, seiner eugenischen und antisemitischen Auffassungen, sondern wegen seiner Behinderung – Recht gibt: Die Deutschen – um einen Novellentitel von Günter Grass zu zitieren – sterben aus. Yücel gibt vor, das zu begrüßen. Und nun muss man den Kontext des Artikels – ja, Herr Klonovsky, Textanalyse ist manchmal mühsam – kennen, nämlich die Äußerungen diverser Vertreter der „Antideutschen“, einer linksradikalen Sekte, die ähnlich israelfreundlich ist wie Teile der AfD und – wie jene AfDler – aus den falschen Gründen.

Weil diese aus der Verfallsmasse des Kommunistischen Bunds hervorgegangenen Fans des ebenso feinsinnigen wie zivilisationsskeptischen Philosophen Adorno der Ansicht sind, der Antisemitismus sei die eigentliche „deutsche Ideologie“ und der deutschen Kultur so tief eingeschrieben wie – den Nazis zufolge – den Juden der Hass auf den Arier, war in bestimmten antideutschen Kreisen „Bomber Harris“ – Sir Arthur Harris, Chef des RAF Bomber Command – ein Held, der jüdische Dichter Ilja Ehrenburg sowieso. Denn die Antideutschen machen sich eine Haltung  zu eigen, die sie – wie die Nazis – dem sowjetischen Dichter zuschreiben, der selbst freilich die Urheberschaft dieser Zeilen bestritt: „Tötet, tötet! Es gibt nichts, was an den Deutschen unschuldig ist, die Lebenden nicht und die Ungeborenen nicht! Folgt der Weisung des Genossen Stalin und zerstampft für immer das faschistische Tier in seiner Höhle. Brecht mit Gewalt den Rassehochmut der germanischen Frauen. Nehmt sie als rechtmäßige Beute. Tötet, ihr tapferen, vorwärtsstürmenden Rotarmisten!“

Indem er auf Harris und Ehrenburg Bezug nimmt, zeigt Yücel zugleich, gegen wen sich seine Satire (auch) richtet. Denn anders als Harris und Ehrenburg – und anders als die hyperventilierenden Antideutschen – unterstellt Yücel den Deutschen gar nicht, geborene Faschisten und Judenhasser zu sein. Ein Verschwinden der Deutschen, so sagt er, würde die Welt von den ostdeutschen „Volkssportarten Jammern, Opfersein und Ausländerklatschen“ befreien, von „grenzenlosem Selbstmitleid, penetranter Besserwisserei und ewiger schlechter Laune“; von einer „Nation, die Dutzende Ausdrücke für das Wort „meckern“ kennt, für alles Erotische sich aber anderer Leute Wörter borgen muss…“. Und mit den Sprechern des Deutschen verschwänden die unübersetzbaren Wörter „Blitzkrieg, Ding an sich, Feierabend, Gemütlichkeit, Gummibärchen, Hausmeister, Heimweh, Kindergarten, Kitsch, Kulturkampf, Lebensabschnittsgefährte, Nachhaltigkeit, Nestbeschmutzer, Ordnungsamt, Querdenker, Realpolitik, Schlager, Spaßvogel, Tiefsinn, Torschlusspanik, Vergangenheitsbewältigung, Volksgemeinschaft, Weltanschauung, Wirtschaftswunder, Zwieback.“

Und Yücel fasst zusammen: „Welcher Mensch von Vernunft, Stil und Humor wäre betrübt, wenn diese Wörter und mit ihnen die ihnen zugrundeliegenden Geisteshaltungen verschwinden? Eben.“

Vernunft, Stil, Humor und tiefere Bedeutung

Eben. Es geht um eine Polemik gegen bestimmte Geisteshaltungen, wie jeder Mensch von Vernunft, Stil und Humor erkennen kann, nicht freilich Klonovsky, Curio und Co.. Es geht zugleich gegen die verbissene, hasserfüllte Deutschenfeindlichkeit der monothematisch fixierten Antideutschen, deren Heilige und Gewaltfantasien Yücel ausleiht, um sie ad absurdum zu führen, wie jeder Mensch von Vernunft, Stil und Humor erkennt, nicht freilich der Feingeist, der den „Pissdeutschen“ und dessen „Exkremente“ hasst, und der „mad professor“ Curio, der glaubt, Yücel habe eine Vorzugsbehandlung erfahren, weil er das Betriebsgeheimnis der „Systemparteien“ ausgeplaudert, nämlich den Hass auf alles Deutsche.

Man muss, da hat Klonovsky unbedingt Recht, zum intellektuellen Pöbel gehören, die Doppelbödigkeit dieses Textes nicht zu begreifen und seine formale Brillanz – mithin also seine literarische Qualität – nicht zu verstehen.

Freilich hätten wir Klonovsky  auch ohne diese unfreiwillige Selbstentlarvung dazu gezählt, weil Gesinnungslumperei nun einmal sein Geschäft ist.

Hinweis: In der ersten Fassung dieses Textes hatte ich – aus dem Gedächtnis zitierend – Klonovsky unterstellt, Yücel als „Pisstürken“ bezeichne zu haben. Ich irrte und bitte dafür um Entschuldigung. Der Feingeist bezeichnete Yücel  tatsächlich als „Pissdeutschen“.

Ich hatte außerdem nicht deutlich genug gemacht, dass Ehrenburg abstritt, die ihm zugeschriebenen Gedichtzeilen geschrieben zu haben.

 

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