Es ist schon bemerkenswert, dass 50 Jahre nach 1968 gleich drei führende Politiker rechts der Mitte – beziehungsweise deren Redenschreiber – es für nötig finden, einen Bruch mit den Ideen von 68 zu fordern. Den Anfang machte Jörg Meuthen von der AfD. Ihm folgte Alexander Dobrindt von der CSU. Und schließlich trippelte Marco Buschmann von der FDP hinterher. Wie es scheint, wird die künftige schwarz-blau-gelbe Koalition auf der Grundlage einer Kritik an 68 ideologisch vorbereitet.

In einem Kommentar für die WELT habe ich auf einige der unsinnigsten Behauptungen der wackeren 68er-Kritiker (die allesamt nicht dabei waren) verwiesen. Des Weiteren habe ich – ebenfalls in der WELT – darauf hingewiesen, dass 68 etwas ganz anderes war als jene Karikatur, die Meuthen, Dobrindt und Buschmann statt einer ernsthaften Auseinandersetzung präsentieren.

Tatsächlich ist „68“ – für die Gegner heute wie für die Apologeten früher – nur eine Chiffre; die „68er“ sind das, was das Trio banale Meuthen, Dobrindt und Buschmann daraus machen; mit den wirklichen 68ern – ich denke in Deutschland etwa an Götz Aly, Stefan Aust, Wolf Biermann, Henryk Broder, Daniel Cohn-Bendit, Rudi Dutschke, Joschka Fischer, Willy Jasper, Helmut Lethen, Ulrike Meinhof, Bahman Nirumand,  Rüdiger Safranski, Christian Semler, Thomas Schmidt, Joscha Schmierer, um nur – in alphabetischer Reihenfolge – die zu nennen, die ich persönlich kenne oder kannte – haben die Karikatur-68ern so gut wie nichts zu tun.

Dobrindt als Revolutionär

Die Vorstellung überdies, heute wäre die „68er Ideologie“ die in Deutschland vorherrschende, ist absurd. Dobrindt schreibt zum Beispiel: „Fünfzig Jahre nach 1968 wird es Zeit für eine bürgerlich konservative Wende in Deutschland. Linke Ideologien, sozialdemokratischer Etatismus und grüner Verbotismus hatten ihre Zeit. Der neue Islamismus attackiert Europas Freiheitsidee und Selbstverständnis und darf seine Zeit gar nicht erst bekommen. Darum formiert sich in Deutschland eine neue Bürgerlichkeit. Auf die linke Revolution der Eliten folgt eine konservative Revolution der Bürger. Wir unterstützen diese Revolution und sind ihre Stimme in der Politik.“

Ähm, ja. Es fällt sofort auf, dass plötzlich von 68 gar nicht mehr die Rede ist. „Linke Ideologien“ gibt es seit 1848 und länger in Deutschland. „Sozialdemokratischer Etatismus“ ist ebenfalls nicht nur älter als 68; er ist die Antipode der Ideen von 68, die auf Selbstorganisation und Fantasie setzten – Räte, Kommunen, Kollektive, Kinderläden, Frauengruppen, selbstorganisiertes Lernen, „Rote Zellen“, „sozialistisches Studium“ usw. usf. – und konsequent in eine kleinbürgerliche Parallelwirtschaft mündeten. „Grüner Verbotismus“ ist weitgehend ein Hirngespinst, nicht weil es keine Leute bei den Grünen gäbe, die gern dies und das verbieten würden, sondern weil die Grünen selten die Macht hatten, viel zu verbieten.

In Parenthese sei nur angemerkt: „Verbotismus“ liegt immer im Auges des Betrachters. So wollen die Grünen Dieselfahrzeuge aus der Stadt, Dobrindt und Co, die Burka aus dem Stadtbild verbannen. Was für die Volksgesundheit schädlicher ist, Diesel oder Burka, ist vielleicht Ansichtssache. Man könnte immerhin eine glaubhafte Rechnung aufmachen, dass mehr Menschen in Deutschland am Dieselwahn gestorben sind als am Islam.

Womit wir beim „neuen“ (?) Islamismus wären. Der wiederum mag viele Väter haben, darunter auch welche im Pentagon, die ihn gegen die Sowjetunion zu instrumentalisieren suchten, aber dazu gehören gewiss nicht die weitgehend atheistisch geprägten 68er, obwohl ein Nirumand – wie er in seiner Autobiographie zugibt – die islamistische Revolution im Iran unterschätzt hat.

Nun gut, aber nun zurück zu dem, was Dobrindt, Buschmann und Meuthen mit ihrem 68er-Bashing eigentlich wollen.

Ist Deutschland ein christlicher Staat?

Es kann nicht wirklich gegen 68 gehen. Denn in den 36 Jahren seit 1982, als die Regierung Helmut Schmidt (nicht gerade als Vollstreckerin von 68er Ideen bekannt) durch Helmut Kohl und die FDP gestürzt wurde, hat die Union 29 Jahre lang den Kanzler bzw. die Kanzlerin gestellt. Die SPD also nicht einmal zwei volle Legislaturperioden. (Und vergessen wir nicht, dass zu den Errungenschaften der Regierung Willy Brandts 1969ff die Berufsverbote, die enge Freundschaft mit Leonid Breschnew, der 68 den Prager Frühling niederwarf, die Wiederzulassung der moskauhörigen und von der DDR gelenkten DKP war, die alles daran setzte, die Ideen von 68 an den Hochschulen und in den Betrieben zu negieren.)

Wie Dobrindt sagt: „Deutschland ist ein bürgerliches Land. Die Mehrheit der Menschen in unserem Land lebt und denkt bürgerlich. Es gibt keine linke Republik und keine linke Mehrheit in Deutschland.“ Eben. Und wenn das Land revolutionsbedürftig ist, wie Dobrindt behauptet, dann müsste sich diese Revolution gegen die Mehrheit richten, die bürgerlich lebt und denkt.

Mit der Chiffre – oder besser dem Schreckgespenst – „68“ wird, wie 1848 mit dem Gespenst „Kommunismus“ ein Anschlag gegen das liberale Bürgertum vorbereitet. Dobrindt etwa macht keinen Hehl daraus, was er will. Seine „Konservative Revolution“ will die religiöse Neutralität des Staates und den Pluralismus der Gesellschaft – beides vom Grundgesetz garantiert – aufheben: „Der christliche Glaube ist das Fundament unserer Politik. Wir stehen für die Bewahrung der Schöpfung, den Schutz des Lebens und der körperlichen Unversehrtheit, die Unantastbarkeit der Würde des Menschen und die Verteidigung unserer christlich-abendländischen Leitkultur. Sie bildet den Grundkonsens unseres Zusammenlebens und ist die zentrale Voraussetzung für funktionierende Integration.“

Jüdische Menschen in Deutschland werden aufmerken, dass hier immerhin die Lebenslüge von der „christlich-jüdischen“ Leitkultur nicht wiederholt wird. (Später dann schon.) Das Schlagwort von der „körperlichen Unversehrtheit“ hat in diesem Kontext nur einen möglichen Sinn: Dobrindt will die männliche Beschneidung kriminalisieren. Und – apropos „Verbotismus“ – offensichtlich – siehe „Schutz des Lebens“ – die Abtreibung auch.

Übrigens: Wenn die „christlich-abendländische“ Kultur den „Grundkonsens des Zusammenlebens“ in Deutschland bilden sollte, stehen die östlichen Bundesländer offensichtlich außerhalb dieses Konsenses. Und nicht nur die.

„Interessen, wenn sie aggressiv werden, nennen sich Werte.“ (M. Klonovsky)

Im Weiteren widerspricht sich Dobrindt, indem er behauptet: „Demokratie, Menschenrecht, Freiheit, Recht und die christlich-jüdische Glaubenstradition formieren eine Wertegemeinschaft des Abendlands.“ Man könnte sich nun fragen, was denn nun die „Wertegeminschaft“ ausmacht, das christliche oder das Jüdische, Demokratie und Menschenrechte oder die Religionsgeminschaften, die sie Jahrhunderte hindurch bekämpft haben – aber das ist alles unausgegorenes Zeug. Bekanntlich bin ich kein Freund des Michael Klonovsky, der wie so mancher unbegabter Journalist seine Seele verkauft hat, um einer Organisation (in diesem Fall einer Partei, der AfD) zu dienen. Früher hat er jedoch hin und wieder Geistreiches von sich gegeben, so folgender Aphorismus: „Interessen, wenn sie aggressiv werden, nennen sich Werte.“

Genau. Und das Interesse Dobrindts besteht darin, die AfD in Bayern rechts auszubremsen. Dazu ist ihm anscheinend jedes rhetorische Mittel recht. Jörg Meuthen schimpft gegen die 68er: Dobrindt schimpft noch mehr. Meuthen behauptet, die Republik sei „rot-rot-grün versifft“. Dobrindt behauptet das auch, auf die Gefahr hin, 29 Jahre Regierungsarbeit der Union zu verleugnen. Meuthen und die AfD machen sich zu Sprechern des Mobs: Dobrindt tut es auch: „Die 68er waren immer eine Elitenbewegung, eine Bürger-, Arbeiter- oder Volksbewegung waren sie nie. Sie kamen aus den Hörsälen und Redaktionsräumen, aber nicht aus den Reihenhäusern und Fabriken. (…) Deutschland ist nicht der Prenzlauer Berg, aber der Prenzlauer Berg bestimmt die öffentliche Debatte. (…) Auf die linke Revolution der Eliten folgt eine konservative Revolution der Bürger. Wir unterstützen diese Revolution und sind ihre Stimme in der Politik.“

Elitenhass statt Elitenförderung

Wer gegen die Elite hetzt (vor wenigen Jahren klagten die Konservativen über die angebliche elitenfeindliche Stimmung in Deutschland, an der natürlich auch „die 68er“ schuld waren), macht sich mit dem Mob gemein. Der Hinweis auf Prenzlauer Berg ist bezeichnend. Wahrscheinlich gibt es kein Viertel in Berlin, das mit 68 weniger zu tun hätte als Prenzlauer Berg. Jedenfalls mit der Karikatur von 68, die von der schwarz-blau-gelben Koalition in Umlauf gesetzt wird.

In Berlin ist das Viertel berüchtigt als bevorzugter Wohnort zugezogener Schwaben mit ihren – im Dobrindt‘schen Sinne – bürgerlichen Gewohnheiten. Nirgendwo ist Berlin weniger multikulturell. Nirgendwo leben weniger Ausländer. In Prenzlauer Berg ist die Zahl der Geburten zwischen 2005 und 2010 um rund 30 Prozent gestiegen. 2008 kamen in Prenzlauer Berg 44 Kinder pro 1000 Frauen im gebärfähigen Alter zur Welt. Der Bundesdurchschnitt liegt zurzeit bei 43, in Berlin bei 42 Geburten. Trotzdem wählen diese durch und durch bürgerlichen Menschen die Grünen.

Wie schon die erste „Konservative Revolution“ nach dem Ersten Weltkrieg richtet sich Dobrindts „konservative Revolution im Namen des Bürgertums gegen das Bürgertum. Damals war die liberale jüdische Bürgerlichkeit der Hauptgegner, heute ist es die liberale, weltoffene Bürgerlichkeit. Und so wie man damals behauptete, die ganze Republik sei „verjudet“, behaupten Meuthen und Co., die Republik sei von den 68ern gekapert worden und „rot-rot-grün versifft“.

Wohlgemerkt: Es gab und gibt gute Gründe, „68“ zu kritisieren. Götz Aly etwa hat das getan, und er ist beileibe nicht der einzige selbstkritische Ex-68er. Alys Selbstkritik zielte – wie die praktische Selbstkritik der meisten anderen oben genannten Koryphäen – auf die Stärkung des liberalen Bürgertums; Meuthen, Dobrindt und Buschmann wollen das Gegenteil: die Radikalisierung des illiberalen Bürgertums.

Meuthen, Dobrindt und Buschmann schlagen den Sack „68er“ und meinen den Esel liberales Bürgertum. Man sollte den Anfängen wehren. Die „Konservative Revolution“ bereitete den Nazis den Weg. Dobrindts zweiter Aufguss verschafft der AfD Legitimität. Aber das ist vielleicht auch der Sinn der Übung.

(Aktualisierte Fassung.)

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