Was für Gespräche Rechte – oder Menschen, die sich selbst nichts als rechts bezeichnen, sich aber rechts äußern – gerne führen würden oder Ein Verlag ist kein Kindergarten

An den Äußerungen, die Monika Maron zur Verteidigung Uwe Tellkamps vorgebracht hat, lassen sich einige Geprächsstrategien der Rechten verdeutlichen, insbesondere die nur selten in solcher Klarheit hervortretende Selbstinfantilisierung.

Da schon genügend Menschen über Uwe Tellkamp geschrieben haben, möchte ich mich Monika Maron widmen. Ich erinnere mich daran, dass ich als Jugendliche, noch vor dem Mauerfall, einen öffentlichen Briefwechsel von ihr und Joseph von Westphalen im ZEIT-Magazin gelesen habe, aber Romane von ihr habe ich noch nicht gelesen (und werde es auch in Zukunft nicht tun), obgleich ich in meinen frühen Zwanzigern durchaus gerne Autorinnen aus der DDR las, vor allem Christa Wolf natürlich, aber auch Helga Königsdorf oder Sarah Kirsch oder Irmtraut Morgner. Ich weiß nicht, warum Monika Maron mich nicht angesprochen hat. Ich habe sie bisher aber immer für eine seriöse Schriftstellerin gehalten.

In den letzten Jahren ist mein Interesse für Belletristik gesunken, und im Gegensatz zu früher blättere ich nicht mehr die Literaturbeilagen durch. Als Uwe Tellkamp den Deutschen Buchpreis gewann, erfuhr ich davon durch die Medien, und ich wusste, dass Monika Maron immer noch schreibt. Auf Twitter las ich über Tellkamps Diskussion mit Durs Grünbein, darüber, dass er behauptet hatte, 95 Prozent der Flüchtlinge kämen, um in unsere Sozialsysteme einzuwandern, über die Kritik an dieser Behauptung, über den Tweet, mit dem Suhrkamp sich Tweet distanziert hatte, und darüber, dass Tellkamp sich gegen diese Kritik wehrte.

Dann gerieten Äußerungen von Monika Maron in mein Blickfeld. In ihnen finden sich einige klassische Topoi der Gesprächsstrategien von Menschen, die sich rechts äußern, ohne sich selbst als rechts zu definieren, und eine Strategie, die verhältnismäßig selten thematisiert wird, aber gar nicht so selten ist, Selbstinfantilisierung, wird in ungewöhnlicher Deutlichkeit sichtbar.

Das Interview wurde vom Deutschlandfunk geführt: http://www.deutschlandfunk.de/causa-tellkamp-ob-das-rechts-ist-ist-mir-am-ende-vollkommen.694.de.html?dram:article_id=413037

Hier nun die Strategien im Einzelnen:

1. Halbherzige Distanzierung

„Uwe Tellkamp hat eine Diktion, die mir nicht aus dem Herzen spricht, aber ich muss sagen, ich habe mir das zweimal angesehen, weil ich auch was darüber geschrieben habe. Ich habe bis auf diesen einen Satz mit den 95 Prozent und noch eine Kleinigkeit, die ich anzumerken hätte, nichts gefunden, was nicht ohnehin überall mittlerweile auch in Zeitungen diskutiert wird.“

Monika Maron distanziert sich von einer Aussage Uwe Tellkamps, die sich bereits als falsch herausgestellt hat: eine bekannte Lüge kann sie nicht unterstützen. Den Rest seiner Äußerungen, die nicht widerlegt sind, verteidigt sie, und sie macht deutlich, dass sie eine ähnliche Haltung zu Einwanderung und Islam hätte wie er. Dabei übersieht sie eine weitere Lüge: Es wäre zumindest zu prüfen, ob die Grenzöffnung im September 2015 illegal war, wie Tellkamp behauptet hat.

Dies bedeutet, dass Monika Maron so weit zurückweicht, wie es nicht zu vermeiden ist, dass sie Tellkamps Position aber keineswegs für grundsätzlich problematisch hält.

2. Ich bin doch nicht rechts

„Keine Ahnung! Ich schreibe ja da auch, ob irgendwer am Kompass, am Meinungskompass gedreht hat und ob da alles durcheinandergekommen ist. ‚Ich habe gesagt, links, rechts – dann weiß ich gar nicht weiter‘ – und Ahnungslos, und Ahnungslos gehört für mich dazu.“

„Aber dass ich irgendwie zur neuen Rechten gehöre oder so, so was habe ich schon gelesen, und mir ist das total fremd. Ich sage, was ich denke. Ich komme zu meinen Überzeugungen oder Meinungen, indem ich mir die Welt angucke oder darüber lese oder eine Meinung gegen die andere abwäge und mich da irgendwie orientiere. Ob das rechts ist, ist mir am Ende vollkommen egal, weil ich muss es richtig finden.“

Monika Maron gehört zu jenen Menschen, die vom eigenen Selbstverständnis her nicht rechts sind. Sie ist jedoch mittlerweile so oft mit dem Vorwurf konfrontiert worden, rechts zu sein, hat auch selbst schon gemerkt, dass einige ihrer Positionen („Islamophobie“) denen der Rechten gleichen, dass sie den Vorwurf rechts zu sein, nicht mehr einfach als unbegründet oder verrückt zurückweisen kann.

Ihre Strategie ist daher eine andere: Sie behauptet, jemand habe am jenem Kompass gedreht, an welchem man erkennen könne, was rechts und was links sei. Sie sei früher links gewesen, dann liberal, aber liberal sei sie noch heute, nur dass ihre Position jetzt als rechts gelte, ohne dass sie sich geändert habe.

Im Prinzip läuft dies dann doch darauf hinaus, dass die Welt verrückt geworden sei, während sie sich ihren Verstand bewahrt habe. Nur: „Ausländerfeindlichkeit“, Rassismus und religiöse Intoleranz galten schon immer als rechts oder haben zumindest nie als links gegolten, jedenfalls nicht in Zeiten, an die ich mich bewusst erinnern kann – und die reichen bis vor dem Mauerfall zurück. Links sein hieß immer, dafür einzutreten, dass Herkunft oder zufällige biologische Eigenschaften nicht das Leben einen Menschen bestimmen dürfen. Im Prinzip ist dies auch Bestandteil des Liberalismus, nur dass viele Liberale dies gerne vergessen. Nur die Grenze zwischen konservativ und rechts hat sich tatsächlich verschoben, aber darüber denkt Monika Maron nicht nach.

Die Behauptung, der Kompass sei verdreht worden, zeigt daher also anderes: Monika Maron hat ihren Kompass verloren, vielleicht nie einen Kompass besessen, der ihr den Unterschied zwischen rechts und links hätte deutlich machen können: einen Kompass, der ihr sagen könnte, dass es rechts ist, wenn man Menschen aufgrund ihrer Herkunft oder anderer nicht gewählter Eigenschaften in Kategorien einteilt.

3. Die Behauptung, man werde zensiert, etwa, indem man in die rechte Ecke gerückt werde

„Man kann jeden Menschen, dessen Meinung einem nicht genehm ist oder auf den man nicht antworten will, oder man will nicht argumentieren, dem klebt man irgendeine AfD-Marke ans Hemd und sagt, der ist eben rechts.“

„Nein, im Gegenteil. Ich habe die Meinung, dass sie zunehmend gehört wird. Aber im Grunde ist sie trotz allem immer noch nicht akzeptiert.“ → Dies ist die erste von zwei Stellen, an denen Monika Maron nicht mehr über den Verlust der Redefreiheit klagt, sondern inhaltliche Positionen verteidigt.

„Nein, nicht, ob man in Deutschland noch sagen kann, was man denkt. Aber ich weiß nicht, ob Sie das nicht erleben. Ich erlebe das, ob beim Friseur oder sonst wo. Die Leute vergewissern sich erst mal, mit wem sie reden und ob sie offen reden wollen oder nicht. Man kommt dafür nicht ins Gefängnis etwa, es droht einem auch keine schwere Strafe, aber es droht einem eine kleine oder größere Ächtung.

„Was bedeutet denn das, wenn man zu einem Streitgespräch aufruft, dazu gehören zwei Kontrahenten, die unterschiedlicher Meinung sind, und am nächsten Tag steht der eine von beiden am Pranger? Was ist denn das für ein Streitgespräch, wenn ich das damit bezahle, dass mich am nächsten Tag alle möglichen Leute anspucken.“

„Man kann doch widersprechen. Man kann auch diskutieren. Aber dann muss man sagen, warum das nicht stimmt, was er gesagt hat.“ → Dies ist die zweite Stelle, an der die Autorin anschließend zu einer inhaltlichen Argumentation übergeht.

Ein großer Teil des Gesprächs dreht sich um die Frage, ob es noch möglich sei, Ansichten wie die Tellkamps oder die von Monika Maron selbst in der Öffentlichkeit zu äußern. Dies liegt daran, dass es der Punkt ist, auf den sich die Interviewerin fokussiert. Immer wieder hakt sie nach, fordert eine Konkretisierung ein, wenn Monika Maron behauptet, man werde für nicht genehme Äußerungen an den Pranger gestellt oder geächtet, weist darauf hin, dass das Gespräch zwischen Tellkamp und Grünbein stattfinden konnte, und fragt, warum es problematisch sein soll, wenn der Suhrkamp-Verlag auf eine Selbstverständlichkeit hinweist.

Monika Maron reagiert darauf, indem sie zugibt, dass niemand ins Gefängnis wandert, wenn er sich auf nicht genehme (also rechte) Weise äußert. Ächtung, an den Pranger gestellt werden oder angespuckt werden seien aber Konsequenz des eigenen Muts. Sie verwendet also starke, emotionale Bilder für die Kritik, die an Tellkamp geäußert wurde, oder für die Richtigstellungen seiner Aussagen – denn natürlich ist Tellkamp nicht real angespuckt worden. Es ist nicht möglich, sie dazu zu bewegen, ihre Behauptungen an der Realität zu überprüfen, also an jener Realität, in der das Streitgespräch stattfinden konnte und in der ihre eigenen Bücher und Texte gedruckt werden und in der sie interviewt wird. Dass sie anschließend kritisiert und als rechts bezeichnet wird, bedeutet für sie bereits Ächtung.

4. Vorwurf an den Suhrkampverlag: Distanzierung sei ungeheuerlich und ein Verrat

„Von dem Suhrkamp-Verlag finde ich das eine Ungeheuerlichkeit. Ein Verlag ist die einzige Andockstation für den Autor. Der gehört nur zu seinem Verlag und von dem erwartet er Beistand und auch Schutz, aber nicht Verrat. In meinen Augen hat der Suhrkamp-Verlag seinen Autor verraten, und sogar ohne Not, weil kein Mensch davon ausgeht, dass ein Autor die Meinung seines Verlages repräsentiert – und was soll das auch sein, eine Verlagsmeinung.“

Vor allem wegen dieser Äußerung entschloss ich mich, über Monika Maron zu schreiben. In ihr enthüllt sich die Selbstinfantilisierung: Der Verlag soll nicht einfach Geschäftspartner sein, sondern Beistand und Schutz, als sei er Mutter und Vater des Autors oder der Autorin (aber natürlich keine Vater und keine Mutter, die hin und wieder auch schimpft.) Wenn sich der Verlag vom Autor distanziert, beraubt er diesen des sicheren Hafens, der „Andockstation“, als handele es sich um das Elternhaus, wo er oder sie immer wieder ankommen kann, auch wenn er Unsinn gemacht hat.

Vor kurzem las ich einen Essay von Detlev Claussen, in welchem er über eine Buch berichtet, das er 1978 in der edition suhrkamp herausgeben wollte. Ein Lektor hatte bereits zugestimmt, der Verleger Siegfried Unseld lehnte jedoch ab. So etwas passiert – es bedeutet, dass das Werk des Autors außerhalb des Spektrums an Positionen liegt, das der Verlag zu veröffentlichen bereit ist. Zunächst ist man enttäuscht, dann stellt man fest, dass man eben nicht zusammen gepasst hat.

Selbstverständlich gibt es keine Vertragsmeinung, mit der die Meinung jedes Autors des Verlags zusammenpassen müsste: dann würden die Autoren alle dieselbe Position vertreten, und es gäbe keinen Grund, mehr als ein einziges Buch zu kaufen. Wenn sich Suhrkamp genötigt sieht, auf diese Selbstverständlichkeit ausdrücklich hinzuweisen, bedeutet dies, dass etwas Ungewöhnliches passiert ist: Dass Tellkamp sich weit außerhalb des Spektrums der vom Verlag unterstützten Positionen bewegt hat – also jenseits der Positionen, die der Verlag unterstützt, in dem er die betreffenden Bücher verlegt. Die Distanzierung von Suhrkamp ist also nicht selbst ungeheuerlich, sondern ein Verweis auf etwas Ungeheuerliches.

5. Aussagen über den Islam:

„Das muss man akzeptieren, wenn man sich die Welt anguckt. Jeder weiß – und auch das kann man überall lesen und das wird niemand bestreiten – dass der Islam sich auf der ganzen Welt radikalisiert. Und wir wissen auch, was an unseren Schulen passiert, dass auch da eine konservative oder auch aggressive islamische Tendenz sich durchsetzt. Und wir wissen, was in den Moscheen zum großen Teil gepredigt wird. Wenn mich das alles nicht irgendwie besorgt, oder wenn ich mir darüber keine Gedanken mache, dann finde ich das leichtfertig.

Das hat ja nichts damit zu tun, dass man, weiß ich, den Islam nun als Religion verteufelt. Der Islam hat einen politischen Anspruch. Der Islam kann sich überhaupt nur auch als weltliche Religion verstehen. Er ist nicht eine Religion wie alle anderen. Das wissen wir mittlerweile, oder können es wissen. Insofern, finde ich, haben wir allen Grund, uns darüber Gedanken zu machen“

„Ich kann nicht finden, was falsch war. Er hat gesagt, dass der Islam sich hier ziemlich ausbreitet, in unseren Alltag eindringt. Das stimmt. Nach meiner Ansicht stimmt das. Er hat gesagt, dass die Grenzöffnung juristisch nicht einwandfrei war, dass es darüber Diskussionen gibt und auch Gutachten gibt. Da hat ihm Grünbein sogar zugestimmt.“

Über weite Teile des Interviews diskutieren Monika Maron und die Interviewerin die Frage, ob es noch möglich ist, alles zu sagen, oder ob man mit Sanktionen (Ächtung, Pranger… ) rechnen muss, wenn man bestimmte Positionen vertritt. An einigen Stellen verlässt Monika Maron diese Ebene allerdings, und sie verteidigt Tellkamp nicht mehr, weil sein Recht auf Meinungsäußerung geschützt werden müsse, sondern weil er die Wahrheit gesagt habe.

So fordert sie, dass gezeigt werden müsse, was an Tellkamps Äußerungen falsch sei. (Dass genau dies bereits getan wurde, verschweigt sie.) Anschließend erklärt sie, warum seine Äußerungen richtig sind.

Auch als es um ihre eigenen Positionen geht und darum, ob diese noch gehört würden, wechselt Monika Maron auf einmal die Ebene: es geht nicht mehr ums Gehört-, sondern ums Akzeptiertwerden, und damit meint sie nicht, dass ihre Position als eine Position akzeptiert wird, die das Recht hat, geäußert und gehört zu werden, sondern dass ihre Position als wahr akzeptiert wird.

Sie fordert für Tellkamp und sich selbst also nicht einfach, dass sie ihre Meinung frei äußern dürften, wegen des Rechts auf freie Meinungsäußerung, sondern sie versucht auch klar zu stellen, dass ihre Meinung und die von Tellkamp korrekt sind.

Dass ihre Behauptungen und die von Tellkamp falsch sind, wurde schon von verschiedenen Menschen gezeigt. Ich möchte auf einen Punkt aufmerksam machen, der sich ohne Verweis auf Empirie begründen lässt: Ihr Verständnis des Islam ist in sich widersprüchlich, und zwar in der Frage, ob der Islam veränderbar sei oder nicht. Einerseits spricht sie von einer Entwicklung, nämlich einer Radikalisierung, andererseits tut sie so, als sei der Islam ein monolithischer Block, der sich nicht zur gleichen Zeit in verschiedene Richtungen entwickeln kann. (Eine realistische Betrachtung zeigt, dass genau dies der Fall ist: einerseits radikalisieren sich manche Muslime, andererseits gewinnen andere Muslime Distanz und praktizieren einen liberalen Islam, der den Koran nicht mehr wörtlich nimmt.) Wenn sie anschließend wieder über den Islam als ganzes spricht, der angeblich keine Religion wie alle anderen sei, sondern per se einen politischen Anspruch habe, betrachtet sie ihn wieder als unveränderlich.

Die in sich widersprüchliche Kombination von veränderbar (sich radikalisierend) und unveränderbar (per se keine Religion wie alle anderen) lässt sich nicht logisch nachvollziehen, sie lässt sich aber nachvollziehen, wenn man sich überlegt, welche dieser Eigenschaften sie jeweils für ein Bedrohungsszenario benötigt. Ein unveränderlicher Islam wäre keine Bedrohung, wenn die Muslime weiterhin so friedlich blieben, wie sie es hierzulande meistens sind. Andererseit benötigt sie die Behauptung eines unveränderlichen Islams, um auszuschließen, dass dieser sich zum Besseren ändern könne.

In zwei anderen Texten fragt sich die Autorin, ob ihre Angst vor dem Islam als „Phobie“, also als Krankheit betrachtet werden kann. Dazu muss natürlich betrachtet werden, wie sie sich zum Islam äußert:

NZZ: „Links bin ich schon lange nicht mehr“ (https://www.nzz.ch/feuilleton/bundestagswahl-links-bin-ich-schon-lange-nicht-mehr-ld.1303513)

Es beginnt damit, dass sie soziale Gerechtigkeit direkt mit einem Stopp der „illegalen Einwanderung“ verknüpft, als bestünde ein Gerechtigkeitsproblem zwischen einheimischen und eingewanderten armen Menschen und nicht zwischen armen Menschen und der Klientel der FDP, die sie lange gewählt hat.

Einige Abschnitte weiter unten vergleicht sie die Rede vom Missbrauch der Religion mit der Rede vom Missbrauch des Nationalismus: Warum soll es sich bei den Verbrechen im Namen der Religion um Missbrauch handeln, während sich in den Verbrechen im Namen der Nation das Wesen des Nationalismus ausdrückt? Dazu müsste man natürlich einen Blick in die Inhalte der jeweiligen Religion oder des jeweiligen Nationalismus werfen, was sie aber nicht tut.

Sie zweifelt an, dass der Islam friedlich sei und schildert anschließend ihre Gedanken beziehungsweise Phantasien angesichts „kopftuchbewehrter“ Frauen. Wenn sie ein Kopftuch als „Wehr“ wahrnimmt, macht sie es sich selbst unmöglich, friedliche Muslime als friedlich wahrzunehmen. Wenn Realitätsverlust die Grenze zwischen krankhaft und nicht krankhaft bezeichnet, so ist diese Grenze hier überschritten.

Die Unterstützung vieler türkischer Menschen für Erdoğan ist bedauerlich, aber kein Zeichen für die grundsätzliche Unfriedlichkeit des Islam. Monika Maron gibt sich keine Mühe, zwischen historisch zufälligem und dem Wesen des Islam zu unterscheiden. Sie gibt sich auch keine Mühe, nach genauen Zahlen zu suchen, sondern schreibt von eineinhalb bis zwei Millionen jungen muslimischen Männern.

FAZ: Merkels kopflose Politik macht die Rechten stark http://www.faz.net/aktuell/politik/fluechtlingskrise/monika-maron-merkels-kopflose-politik-macht-die-rechten-stark-14012515.html

Es ist unmöglich, diesem Text in einigen Abschnitten gerecht zu werden, daher beschränke ich mich auf einen Satz: „Bis heute wollen uns Leute wie Lamya Kaddor und Ayman Mazyek weismachen, das abartige Sexualverhalten bestimmter muslimischer Männer habe nichts mit dem Sittenkodex ihrer Religion, sondern mit ihrer traurigen Situation in unserem Land zu tun.“ Wie kommt Monika Maron auf die Idee, der Islam fordere auf, fremde Frauen zu belästigen?

Monika Maron scheint nicht nur den Kontakt mit der Realität, sondern auch das Interesse an der Realität verloren zu haben. Ein solches Desinteresse an der Realität dürfte durchaus mit dem Wort „Phobie“ beschrieben werden, auch wenn eine echte Krankheitsdiagnose die Sache von Ärzten sein müsste.

6. Nordische Mythologie im neuesten Roman

Eigentlich wollte ich mein Interesse auf Monika Marons politische Äußerungen beschränken. Beim Googeln nach Artikeln fand ich allerdings heraus, dass in ihrem neuesten Roman eine Krähe (kein Rabe) namens Munin vorkommt, benannt nach einem der beiden Raben des Gottes Odin. (Der andere heißt Hugin.)

Nicht nur die Nationalsozialisten, sondern auch völkische Denker im neunzehnten Jahrhundert hatten eine Schwäche für die alten Germanen, die sie als die Vorfahren der heute lebenden Deutschen ansahen. Die alten Germanen oder auch Wikinger können sich dagegen nicht mehr wehren, da sie schon lange nicht mehr leben. Für den Nationalsozialismus sind sie nicht verantwortlich, und ihre Geschichten lassen sich lesen, ohne sie mit völkischer oder nationalsozialistischer Ideologie zu verknüpfen. Es handelt sich einfach um spannende Geschichten.

Wer aber heute, in einer Welt, in der Rechte mit dem Spruch „Odin statt Jesus“ auf dem T-Shirt herumlaufen, die alten Mythen in einer modernen Geschichte verwenden will, muss dies sehr bewusst tun. Neil Gaiman lässt Odin in seinem Roman „American Gods“ auftreten, und der Roman wird nicht zu einer Werbung für das, was Rechte für die Werte der germanischen Götter (im Gegensatz zu den Werten des Christentums) halten. Es ist also möglich.

Wenn ich dagegen lese, dass die Krähe in Monika Marons Roman „konstatieren [darf], dass der Holocaust die Deutschen zum Schwur «lebenslanger Sühne» und zum Schutz von allem gebracht habe, «was ihr für schwach und hilflos haltet»“, wenn die Krähe also zum Sprachrohr rechter Ideen von Schuldkult und „Recht“ des Stärkeren wird, dann kommen mir Zweifel, ob Monika Maron bewusst und sensibel mit dieesm Problem umgegangen ist.

(Die einzige Rettung wäre, wenn die Figur, die sich einbildet, dass die Krähe dies zu ihr sagt, eine Figur ist, der die Autorin sehr kritisch gegenüber steht, wie es die Rezension in der FAZ behauptet: http://www.faz.net/aktuell/feuilleton/buecher/monika-marons-roman-munin-oder-chaos-im-kopf-von-julia-encke-15487662.html)

7. Ein paar Worte zum Verhalten der Journalistin

Interviews mit Autoren oder Autorinnen sind wahrscheinlich nicht die Sorte Interview, bei der man erwartet, in eine Auseinandersetzung mit dem oder der Interviewten gehen zu müssen. Man bereitet sich eher darauf vor, Fragen zu stellen, die den Gesprächspartner oder die Gesprächspartnerin ins Reden und Erzählen kommen lassen, so dass er oder sie uns am Reichtum der eigenen Weisheit und Erfahrung teilhaben lassen kann. Umso erfreulicher ist, dass die Interviewerin nachhakt und widerspricht und von Monika Maron konkrete Erlebnisse einfordert, mit denen sie belegen kann, dass sie geächtet werde. Leider lässt Monika Maron sich nicht beirren, sondern bleibt bei ihrer Linie: Wer sich auf nicht genehme Weise äußert, landet zwar nicht im Gefängnis, wird aber geächtet. Möglicherweise hätte die Interviewerin deutlich hartnäckiger und vielleicht auch deutlicher auftreten müssen.

Auf eine Diskussion der Äußerungen über den Islam lässt sich die Journalistin leider nicht ein. Möglicherweise hält sie sich an einen Rat, den ich schon mehrfach in Seminaren zum Thema „Argumentieren gegen Rechts“ gehört habe: Darauf bestehen, dass man beim Thema (Rede- und Meinungsfreiheit) bleibt, und nicht drei Themen gleichzeitig diskutieren. Dies hat den Vorteil, dass man sich nur auf ein Thema vorbereiten muss, dass man mit etwas Glück zeigen kann, dass der Gesprächspartner oder die Gesprächspartnerin zu diesem Thema nicht Substantielles zu sagen hat, und vor allem, dass man sich nicht von einem Thema zum nächsten scheuchen lässt, sondern bei einem Thema eine klare Argumenation aufbauen kann. Es hat den Nachteil, dass die islamfeindlichen Äußerungen Monika Marons unwidersprochen bleiben.

8. Fazit: Welche Art von Gespräch wünschen sich Rechte (auch solche, die sich nicht als rechts verstehen)?

Die oben zitierten Äußerungen über ihre Meinung, die nicht nur gehört, sondern auch akzeptiert werden soll, machen deutlich, was sich Monika Maron wünscht in Gesprächen wünscht: dass Menschen ihr zustimmen. Dies ist verständlich – dies wünschen sich die meisten Menschen.

Weniger nachvollziehbar ist für mich, was sie sich vom einem Verlag wünscht: dass er sich als Andockstation verhalten und ihr Schutz und Beistand gewähren soll, als sei er kein Geschäftspartner, sondern ein Elternteil, das selbstverständlich die Kinder nicht verstoßen darf, gleichgültig wie viele Dummheiten sie anstellen (allerdings hin und wieder die Söhne und Töchter auf die Torheit ihres Tuns hinweisen sollte.)

Mir scheint, dass dies ihre Haltung nicht nur gegenüber Verlagen, sondern gegenüber der gesamten Öffentlichkeit charakterisiert: Gleichgültig, wie islamfeindlich ich mich äußere, ihr sollt mir nicht widersprechen oder darauf hinweise, dass das, was ich sage falsch, vielleicht sogar eine bewusste Lüge ist: Ihr sollt mich trotzdem akzeptieren, mir zuhören, mich liebhaben und mir keineswegs sagen, dass meine Haltung rechts und inakzeptabel ist. Ich möchte lügen, hetzen und rechtes Gedankengut verbreiten dürfen, ohne irgendwelche Konsequenzen zu spüren, etwa in Form eines Verlags, der sagt: „Ihren nächsten Roman können Sie bei Antaios veröffentlichen“ oder in Form einer Interviewerin, die angesichts des von mir erzählten Unsinns ernsthaft sauer wird, oder in Form einer Öffentlichkeit, die das, was ich sage, als rechts bezeichnet. Ich wünsche mir, kurzum, wie ein Kind oder eine Jugendliche behandelt zu werden, nicht wie eine erwachsene Frau.

Bei Monika Maron wird dieses Verhalten besonders deutlich, es zeigt sich aber auch im Text von Ulrich Greiner zur Verteidigung Uwe Tellkamps, in dem er beklagt, dass Menschen, wenn sie erst einmal als rechts bezeichnet wurden, nicht mehr als Diskurspartner ernst genommen würden. (Hier nachzulesen: http://www.zeit.de/2018/13/uwe-tellkamp-rechtspopulismus-durs-gruenbein-dresden) Warum sollte man jemanden als Diskurspartner ernst nehmen, der sich auf eine Weise äußert, die nicht mehr ernst genommen werden kann, etwa weil er munter mit Zahlen um sich wirft? Selbst Götz Kubitschek beschwert sich bei der Initiative „Verlage gegen rechts“, dass er nie eingeladen wurde, um mit ihm zu reden: https://twitter.com/PrismaLE/status/974971204527443968. Aber warum sollte die Initiative das tun? Worüber sollte sie sich mit ihm produktiv austauschen?

 

Quellen:

Das Originalinterview im Deutschlandfunk: http://www.deutschlandfunk.de/causa-tellkamp-ob-das-rechts-ist-ist-mir-am-ende-vollkommen.694.de.html?dram:article_id=413037

Weitere Interviews im Deutschlandfunk:

http://www.deutschlandfunkkultur.de/schriftstellerin-monika-maron-suhrkamps-umgang-mit-tellkamp.970.de.html?dram:article_id=413111

Dass die Krähe im Roman Munin heißt, wird nicht thematisiert.

http://www.deutschlandfunk.de/autorin-maron-ueber-tellkamp-kontroverse-ich-kann-die.2849.de.html?drn:news_id=861451

Einige Sätze von Monika Maron und eine Rezension im Deutschlandfunk:

http://www.ardmediathek.de/radio/B%C3%BCchermarkt/Monika-Maron-Munin-oder-Chaos-im-Kopf-/Deutschlandfunk/Audio-Podcast?bcastId=21648664&documentId=50803678

Hier wird immer benannt, dass die Krähe nach einem der Raben des „Göttervaters Odin“ benannt ist. Kritisch betrachtet wird dies nicht. Ihre Angst vor dem Islam („Lebensbedingungen in Frage stellen, Alltag verändern, Städtebilder verändern“) wird als provokative Zuspitzung bezeichnet.

Artikel von Monika Maron in der FAZ: „Merkels kopflose Politik macht die Rechten stark.“

http://www.faz.net/aktuell/politik/fluechtlingskrise/monika-maron-merkels-kopflose-politik-macht-die-rechten-stark-14012515.html

Artikel in der NZZ: „Links bin ich schon lange nicht mehr“, in welchem über den Verlust des Links-Rechts-Kompasses klagt: https://www.nzz.ch/feuilleton/bundestagswahl-links-bin-ich-schon-lange-nicht-mehr-ld.1303513

Ebenfalls in der NZZ: Verriss von „Munin oder Chaos im Kopf“ w

Text von Ulrich Greiner zur Verteidigung Tellkamps:

http://www.zeit.de/2018/13/uwe-tellkamp-rechtspopulismus-durs-gruenbein-dresden

Tweet mit Video, in welchem Götz Kubitschek einfordert, eingeladen zu werden:

https://twitter.com/PrismaLE/status/974971204527443968

 

 

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